Ein sehr empfehlenswerter Artikel aus der „Erziehungskunst“ zum Thema ‚Selbstbestimmter Umgang mit Medien‘:

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Wir sind Natur

 

Wir sind Natur

Wenn wir den Ökozid aufhalten wollen, reicht es nicht, über die Umwelt nachzudenken – wir müssen uns als Teil von ihr begreifen.

 

„Vor dem Hintergrund der genannten Erkenntnisse verwundert es übrigens nicht, dass die langfristige Naturverbundenheit eines Menschen mit dessen Glück zusammenhängt, wie eine Metaanalyse von 30 Studien mit insgesamt 8.523 Personen ergab. Das Naturerlebnis bewirkt Glück, Zufriedenheit und Gesundheit. Im Hinblick auf unser Thema (Einsamkeit) ist jedoch von größter Bedeutung, dass sich das Naturerlebnis auch günstig auf den sozialen Zusammenhalt einer Gemeinschaft auswirkt. Menschen werden zu „besseren Menschen“, wenn sie sich in der Natur aufhalten; sie können nicht nur klarer und kreativer denken und sind besser gestimmt sowie langfristig gesünder, sondern sie verhalten sich sogar in moralischer Hinsicht menschlicher in dem Sinne, dass sie sich etwas weniger um sich selbst und etwas mehr um andere kümmern. In der Natur sind ihnen Werte wie Gemeinschaft und Verbundenheit wichtiger und materielle Werte unwichtiger. Dies hat zur Folge, dass es durch das Naturerlebnis nachweislich zu einer Verminderung von Aggressivität, Gewalt und Kriminalität kommt. Warum ist das so?“ (Professor Manfred Spitzer, Einsamkeit)

Es vergeht kein Tag, an dem die Klimakatastrophe nicht meinen Alltag streift und auch auf dieser Medienplattform ist sie ein wichtiges Thema. Dabei bemerke ich immer ein Unbehagen und den Wunsch, mich auch dazu zu äußern, um die Diskussion über unseren Planeten zu bereichern. Ob mir das gelingt, weiß ich nicht, mein Wunsch, diese Erde und seine Mitgeschöpfe mit Respekt und Achtung zu behandeln, veranlasst mich aber dazu, meinen Standpunkt zu schreiben.

Ich arbeite seit über 16 Jahren vor allem in einem Bereich: Naturverbundenheit. Mein Job ist es, Menschen dabei zu unterstützen, sich mit der Natur verbunden zu fühlen und zu erkennen, dass wir modernen Menschen die ersten sind, die sich als getrennt von der Natur erleben. Als gäbe es einerseits die Natur und andererseits den Menschen. In meinen Weiterbildungen und Lehraufträgen sollen die Teilnehmer nicht kognitiv begreifen und dann Zahlen und Fakten in ihrem Neocortex speichern, sondern sich ganz tief berühren lassen.

Da liegt auch ein Problem dieses Artikels, da ich den Eindruck habe, dass es oft um Informationen und Fakten geht. Ich werde mich auf meine gemachten Erfahrungen fokussieren und diese mit wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauern.

Wie gesagt, gehe ich mit Menschen jeden Alters und in verschiedenen Zusammenhängen in die Natur und zeige ihnen dort, wie sie in dieser ihrer Heimat leben könnten. Ich lese mit ihnen Spuren und studiere das Leben der Tiere, sammle und genieße essbare und heilsame Pflanzen und Kräuter, mache mit ihnen auf „primitive“ Weise Feuer, baue Unterkünfte, die komplett regional und saisonal sind, lehre das leise und ganz aufmerksame Wandeln in der Natur und vieles andere mehr. Am herausforderndsten ist es für meine TeilnehmerInnen oft, nur in der Natur zu sein oder ziellos wie ein Kind die Natur zu durchstromern.

Als Wildnispädagoge und Überlebenstrainer habe ich im Laufe meiner Ausbildung selber bis zu einem Jahr komplett in der nordamerikanischen Wildnis gelebt und gelernt, dass wir alle vor nicht allzu langer Zeit als Jäger und Sammler gelebt haben. Zu etwa 97 Prozent (1) unserer Existenz als Homo Sapiens waren wir eng verbunden mit der Natur und lebten angepasst an ihre Rhythmen, nahmen, was wir brauchten und kannten nur die Natur als unser Zuhause. Nimm dir einen Augenblick Zeit, um das tief einsinken zu lassen. Es gab eine Zeit, da waren wir immer draußen und fühlten uns dort Zuhause. Jeden Tag, jede Stunde mit dem Gefühl, dass das unser Platz ist. Wir sind biologisch dafür gemacht, so zu leben, und es bedarf nicht viel, um die Symptome zu sehen, die entstehen, wenn wir nun hauptsächlich domestiziert leben.

„Wenn ich über mein Leben nachdenke, denke ich daran, wie das Land mir mein Leben geschenkt hat. Ohne das Land der Okanagan, ohne das Volk der Syilx und all die Verwandten, die auf diesem Land leben, ohne jedes einzelne Ding, das mein Volk aufrechterhält, wie Nahrung, Medizin, Kleidung und Obdach, ohne all die Dinge, die uns umgeben, die mich umgeben, wäre ich nicht.“ (Dr. Jeanette Armstrong, Syilx People)

Leider ist hier nicht genügend Zeit, um auf alle Aspekte einzugehen, aber es sei gesagt, dass die Art, wie wir aßen, wie wir uns bewegten, wie wir unsere Kinder im Lernen begleiteten, wie wir unsere Kinder gebaren, wie wir alte Menschen behandelten, wie wir unsere Gesellschaft gestalteten und wie wir konsumierten, sehr anders aussah als heutzutage. Als Jäger und Sammler haben wir im Durchschnitt 3,5 Stunden pro Tag gearbeitet, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen (2). Immer wenn ich dies Menschen erzähle, sind sie überrascht, da sie annehmen, dass wir mit fortschreitender Zivilisation unser Leben erleichtert haben.

Nicht unbedingt. Erst mit Einführung des Ackerbaus, der sogenannten neolithischen Revolution, die sich in unserer Region zu Zeiten von Ötzi abspielte, begann die Arbeitszeit zu steigen. Plötzlich gab es Besitz, zu schützenden Überfluss, Kontrolle und pflanzliche und tierische Gefangene. Immer wenn ich in Diskussionen höre: „So sind wir halt“ oder „so ist der Mensch halt“, frage ich mich, ob die Menschen, die solches sagen, auch das Leben vor der Landwirtschaft studiert haben.

Auch wenn diese Lebensart – geschichtlich gesehen – scheinbar lange vorbei ist, ist unsere derzeitige Lebenssituation ein ganz neues Experiment mit ungewissem Ausgang.

Vieles von diesem alten Wissen indigener Kulturen findet heute wieder Anerkennung, und ich erforsche dieses Feld nun seit 16 Jahren. Fast jeden Tag entdecke ich etwas in „nativen“ Kulturen, was mir für die heutige Gesellschaftslage relevant erscheint. Mir ist auch bewusst, dass eine Idealisierung dieser Lebensweise nicht hilfreich ist und es auch in diesen Zeiten zu Auseinandersetzungen, temporären Hungersnöten und kriegerischen Auseinandersetzungen kam.

Heute und hier soll es aber nur um die Naturverbundenheit gehen. Also um eine Beziehungsqualität zwischen dem Menschen und seiner Lebensgrundlage, der Erde.

Mir scheint, als würde das Wissen um die Natur und die natürlichen Abläufe immer mehr zunehmen, die Verbundenheit zur Natur jedoch drastisch sinken.

Nebenbei bemerkt sind viele neue Erkenntnisse oftmals Erkenntnisse, die native Kulturen bereits hatten, aber nicht wissenschaftlich beweisen konnten. Immer wiederkehrend ist dabei die Annahme ursprünglich lebender Kulturen, dass alles miteinander verbunden ist. Für mich ist diese Weltsicht sehr nachvollziehbar und deckt sich mit meiner langjährigen Naturbeobachtung. Nur der zivilisierte Mensch hat es geschafft, Dinge so abgetrennt voneinander zu betrachten, und sich damit aus dem Kreis des Lebens, dem Geben und Empfangen, zu verabschieden. Ich denke, die Quantenphysik ist ein gutes Beispiel dafür, dass die allverbundene Ansicht nativer Kulturen auf feinstofflicher Ebene zutrifft.

„Der Physiker Professor Efstratios Manousakis von der Florida State University in Tallahassee ist jetzt davon überzeugt, dass die Quantenphysik die Universalsprache des Universums ist. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass seit dem Urknall große Bereiche des Universums miteinander verschränkt sind und ein steter Informationsaustausch stattfindet. Seiner Meinung nach ist jedes Individuum ein Teil eines großen Ganzen, da auch die komplexen Vorgänge des Bewusstseins den Regeln der Quantenphysik unterliegen. Diesem Weltbild zufolge befinden wir uns in einem partizipatorischen Universum und sind aktive Teilnehmer eines sprichwörtlich universellen Dialogs“ (3).

Wie sehr wir Menschen auf die Natur reagieren, zeigt sich, wenn wir Zeit mit ihr verbringen. Spannenderweise wirkt die Natur direkt körperlich. Sobald wir zurück nach „Hause“ kommen, werden in unserem Körper Prozesse in Gang gesetzt, die wunderbar erscheinen. Auch hier kann ich nur die wichtigsten herausgreifen, um zu beschreiben, wie fundamental die Wirkungen sind:

Stress

In Japan wurden in 24 verschiedenen Wäldern des Landes Menschen vor und nach Waldspaziergängen untersucht, und es wurde folgendes festgestellt:

Aufenthalte in der Natur sind stressreduzierend, lassen Puls und Blutdruck sinken und erwirken eine Abnahme der Cortisol-Konzentration (4). Diese angeordneten Waldspaziergänge nennen sich dort „shinrin-yoku“ und befinden sich in Deutschland gerade im Aufwärtstrend unter dem Namen Waldbaden. Die stressreduzierende Wirkung lässt die Pharmaindustrie vielleicht erzittern und würde sich für eine breit angelegte Marketing-Kampagne der deutschen Forste eignen. Ich selber habe das schon mit einigen Förstern besprochen. Ich finde es so berührend, dass in einer Gesellschaft, die unter chronischem Stress leidet, der sehr viele Folgeerkrankungen nach sich zieht, die Natur uns die Möglichkeit bietet, uns zu entspannen. Wir müssen sie nur aufsuchen.

Gesundheit

Mittlerweile ist durch die japanischen Studien des Waldbadens auch belegt, dass ein Aufenthalt im Wald die Anzahl der natürlichen Killerzellen im Immunsystems deutlich ansteigen lässt und ihre Aktivität steigert und dass dieser Effekt wiederum noch viele Tage anhält. Außerdem steigt das Niveau der Anti-Krebs-Proteine im Körper, mit denen das Immunsystem Krebs vorbeugt oder im Falle einer Krebserkrankung den Tumor bekämpft (5). Das geht soweit, dass nur schon das Betrachten der Natur oder eines Fotos der Natur Effekte auf unsere Gesundheit haben.

„So hatten Gefängnisinsassen in Michigan weniger Aufenthalte in einer Sanitätszelle, wenn ihre Zelle auf Ackerland statt auf den Gefängnishof blickte. Eine Gefängnisstudie zeigte, dass Gefangene mit Blick auf Natur weniger Krankmeldungen, Verdauungsbeschwerden und Kopfschmerzen hatten als solche ohne einen solchen Blick“ (6).

Wertewandel

Menschen, die Natur intensiv erleben, indem sie zum Beispiel die Vogelsprache studieren oder Tierbeobachtungen machen, entwickeln intime Beziehungen zu den Tieren und Pflanzen. Wenn sie wie in meiner Arbeit lernen, vom Land zu leben und sich draußen zu Hause zu fühlen, dann erleben sie am eigenen Körper die Abhängigkeit von der Erde. Ihr Feuer, ihr Wasser, ihr Essen, ihre Unterkunft kommen direkt aus ihrem Umfeld und sie begreifen, dass ihr Wohlbefinden aus der Natur kommt und ohne sie kein Leben möglich wäre.

Diese fast schon triviale Aussage ist bei den meisten Menschen nicht im Herzen verankert, sondern ein Gedanke.

Je öfter Menschen diese Abhängigkeit – Interdependenz – jedoch leben, desto mehr stellen sie voller Respekt fest, dass die Natur sie beschenkt, und sie empfinden Dankbarkeit und auch Demut.

Schnell ändern sich die Prioritäten im Leben und es ist eine immer wiederkehrende Erfahrung in 15 Jahren Begleitungsarbeit, dass Menschen einen Wertewandel durchmachen, wenn sie sich auf die Reise in die Natur einlassen. Meist fällt ihnen auf, wie wenig sie eigentlich brauchen, um glücklich zu sein, und dass Ihnen zwei Dinge wirklich wichtig sind: in Gemeinschaft und naturverbunden zu leben.

„Das Naturerlebnis lässt also nachweislich unseren Egoismus schrumpfen, als würde unser Ego angesichts von Bergen und Tälern, Bäumen und Flüssen kleiner, wie andere Studien zeigen konnten.“ (Manfred Spitzer)

Die Kinder

Kinder sind und brauchen Natur, und ihre Entwicklung wird von viel Naturkontakt meist günstig beeinflusst. Grob gesprochen sind Kinder, die viel Zeit draußen verbringen, gesünder, sozial kompetenter, aufmerksamer und konzentrierter, grobmotorisch besser entwickelt und zeigen fantasievolleres und vielfältigeres Spielverhalten als Kinder mit wenig Naturbezug (7).

Außerdem lindern Naturaufenthalte die Symptome von AD(H)S, was ich selber bei einem achtwöchigen Projekt mit AD(H)S in den Schweizer Alpen beobachten konnte (8). Leider wird genau dieser Naturkontakt heutigen Kindern erschwert, was in einer im Jahre 2010 durchgeführten Befragung von 3.000 SchülerInnen der sechsten und neunten Klasse mit den Worten des Geo-Chefredaktors Peter-Matthias Gaede folgendermaßen beanstandet wurde:

„Sie haben über 3.000 Jungen und Mädchen aus sechsten und neunten Klassen aller Schulformen in sechs Bundesländern befragt und kommen zu dem Schluss, dass wir es mit einer ‚erschreckenden Naturvergessenheit‘ zu tun haben. Mit einer ‚selektiven Naturwahrnehmung‘ ohne ‚Erfahrungs-fundament‘. Mit einer ‚Naturdistanz‘, in der die Auffassung von Umwelt immer abstrakter und formeller wird.“

Neben diesen klar messbaren Einflüssen auf die kindliche Entwicklung möchte ich gerne aus meinen Erfahrungen der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hinzufügen, dass Kinder, die in der Natur eine Zeit lang leben und Wärme, Essen, Wasser und vieles mehr von ihr geschenkt bekommen, eine sehr starke Dankbarkeit und Wertschätzung der Natur gegenüber entwickeln. Damit meine ich nicht die von Pädagogen aufgedrückte Einsicht, dass die Natur doch ganz wichtig sei, sondern ich erlebe Kinder, die von sich heraus Danke sagen. Sie haben nämlich erlebt, dass sie nur durch die Geschenke der Bäume Wärme genießen, indem sie eine Hütte gebaut haben und ohne zivilisierte Hilfsmittel, also nur mit Holz, Feuer entfacht haben.

Ja genau, ohne Streichhölzer und Feuerzeug. Sie sagen den Pflanzen Danke, weil der Spitzwegerich ihnen bei Mückenstichen hilft, sie die Breitwegerichsamen lecker finden und der Sauerklee so wunderbar schmeckt. Sie sagen den Tieren Danke, weil sie sich gefreut haben, nach langem Schleichen oder Stillsitzen ein Reh gesehen zu haben oder weil die Felle, auf denen sie am Feuer sitzen, von den Tieren kommen und diese oftmals als Müll weggeschmissen werden. Sie sagen dem Wasser Danke, weil sie in einem wunderschönen See baden und sich abkühlen konnten.

Mancher Dankeskreis in meinen Camps lassen mich weinen und Gänsehaut bekommen, weil es mich berührt, zu spüren, dass diese Kinder die Chance hatten, Naturverbundenheit zu erfahren, und dass daraus Wertschätzung entsteht und diese nicht vom Pädagogen unterrichtet, sondern vorgelebt wurde. Ich mag das Zitat eines Jungen erwähnen, welcher in einem abendlichen Spiel voller Begeisterung bemüht war, sich unbemerkt anzuschleichen, und dafür teilweise minutenlang bewegungslos im Gras lag, nur um sein Ziel zu erreichen. Er berichtete nach dem Spiel Folgendes:

„… und dann, voll krass! Bin ich mit dem Boden fusioniert!“

Das ist das Ziel meiner Arbeit, die intime Verbundenheit zwischen Mensch und Natur bis zu dem Punkt, an dem wir feststellen, dass wir eins sind mit der Mutter Erde. Lasst uns dazu die nativen Alten befragen und hören, was sie zu sagen haben, wenn es darum geht, mit Kindern rauszugehen:

„Die Alten wussten, dass das Herz eines Menschen, der sich der Natur entfremdet, hart wird. Sie wussten, dass mangelnde Ehrfurcht, Wertschätzung von allem Lebendigen und allem, was da wächst, bald auch die Ehrfurcht und Wertschätzung vor den Menschen absterben lässt. Deshalb war der Einfluss der Natur, der die jungen Menschen feinfühlig machte, ein wichtiger Bestandteil ihrer Erziehung.“ (Luther Standing Bear, Lakota, 1868 bis 1939)

Moderner formuliert, beschreibt ein Kinderarzt es folgendermaßen:

„Natur stellt für Kinder einen maßgeschneiderten Entwicklungsraum dar. Eine Erfahrungswelt, die genau auf die Bedürfnisse von Weltentdeckern zugeschnitten ist. Hier können sie ihre Segel setzen. Hier bläst der Wind, den sie für ihr Gedeihen brauchen. In der Natur können sie wirksam sein. Hier können sie sich auf Augenhöhe selbst organisieren. Hier können sie an ihrem Fundament bauen.
Zeit in der Natur ist Entwicklungszeit.“
(Dr. Herbert Renz-Polster)

Meiner Meinung nach brauchen wir die Natur und den regelmäßigen Kontakt zu ihr für unsere physische, seelische und emotionale Gesundheit und vor allem dafür, um nicht in der Illusion zu landen, getrennt von ihr zu sein. Aus dieser Verbundenheit und auch aus einer gefühlten Wertschätzung heraus gilt es dann, sich den aktuellen Problemen zu stellen: Das Artensterben, die Vergiftung des Bodens und Grundwassers, die Überflutung mit Plastik und Mikroplastik, die Verschmutzung der Luft und ja, auch die vom Menschen erzeugten Veränderungen des Klimas.

Wie können wir das machen? Hier schließt sich der Kreis. Wir können zurückschauen und erkennen, dass das Leben unserer jagenden und sammelnden Vorfahren dafür Vorschläge bereithält. Nein, wir müssen nicht zurück in die Steinzeit und jeder ist gefragt, seinen Weg zu finden, aber wie wäre es mit Folgendem: Esse und konsumiere so regional und saisonal wie möglich, lebe gemeinschaftlich, sodass du sozial erfüllt bist, damit du nicht zu kompensatorischem Konsum greifen musst. Beschränke deine Mobilität auf ein Minimum, weil du da zufrieden bist, wo du bist. Arbeite weniger. Du erinnerst dich an die 3,5 Stunden! Verbringe mehr Zeit im Wald mit Freunden und Familie. Lerne den Unterschied zwischen wollen und brauchen und freue dich, deine wahren Bedürfnisse zu befriedigen, anstatt die von der Werbeindustrie erzeugten Wünsche erfüllen zu wollen. Hüte deine dich umgebende Natur und schaue, was die Pflanzen und Tiere, das Wasser und der Boden brauchen, damit es ihnen gut gehen kann.

Neben der eventuell kommenden Klimakatastrophe gibt es seit vielen Jahrzehnten genügend Raubbau an unserem Planeten, der unser aller Aufmerksamkeit und Handeln braucht. Mit einer gefühlten Verbundenheit zur Natur wird der Naturschutz zur Herzenssache.

Anstatt uns wegen Fragen um die Ursachen des Klimawandels zu bekämpfen, sollten wir uns verbinden und die Orte, die wir bewohnen, hüten und pflegen, so gut wir können.

Als inspirierendes Beispiel sei hier die Geschichte von Theodore Roosevelt erzählt, der 1903 von John Muir in das Yosemite Tal begleitet wurde und dort mit ihm drei Tage in der Wildnis verbrachte. Der US-amerikanische Präsident bekam sozusagen einen Wildniskurs, und durch das permanente Draußensein war er von der Schönheit und Bedeutsamkeit der wilden Natur ergriffen. Aufgrund dieser naturverbindenden Erfahrung erschuf er 5 Nationalparks, 150 „National Forests“, 51 Vogelschutzgebiete, 4 Wildschutzgebiete, 18 Nationaldenkmäler und vieles mehr (9). Wir brauchen also direkte Erfahrung mit der Natur, damit sie uns berührt. Darum meine Empfehlung: Geht raus und nehmt eure Kinder mit!

Bis bald im Wald!


Quellen und Anmerkungen:

(1) „Die Wege der Menschheit“ – Spencer Wells
(2) „The original affluent society“ – Marhshall Sahlins https://www.appropriate-economics.org/materials/Sahlins.pdf
(3) http://wissenschaft.pr-gateway.de/wie-alles-mit-allem-uber-die-quantenphysik-verbunden-ist/
(4) https://www.wanderforschung.de/files/0810-geoeditorial1280474488.pdf
(5) Der Biophilia Effekt, Clemens Arvay; S. 30
(6) https://www.wanderforschung.de/files/gruentutgut1258032289.pdf
(7) Grahn, P., Martensson, F., Lindblad, B., Nilsson, P. & Ekman. A. (1997) Ute pa Dagis Stad and Land.
(8) Coping with ADD – the surpricing connection to green play settings (Faber Taylor, A. Kuo, F.E. & Sullivan, W.C.;
(9) https://nationalparksadventure.com/the-camping-trip-that-changed-the-nation/

 
 
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Über die Jahre kam immer und immer wieder die gleiche Frage auf, wenn wir von unseren monatelangen Auslandsreisen erzählten: „Wie läuft das eigentlich bei euch mit der Schule? Machst du einen Abschluss?“

Nein, ich war seit Jahren nicht in der Schule, aber ja, ich habe jetzt einen Abschluss. Vor einigen Monaten habe ich in Baden-Württemberg das Abitur als externer Prüfling abgelegt. Wie das im Einzelnen ablief, will ich hier einmal erzählen. Vielleicht beantwortet es die ein oder andere Frage, die ihr über mein schulisches Schaffen der letzten Jahre habt.

Hier gehts zum ganzen Artikel:

von Geseko von Lüpke , erschienen in 05/2010

Wir haben es mit der Muttermilch aufgesogen: Kultur definiert sich als Gegensatz zur wilden Natur. Das läge in der Natur der Sache. Wird uns genau diese Haltung heute zum Verhängnis?

»Wenn wir wieder in die Wälder gehen, werden wir zittern vor Kälte und Furcht. Doch wir werden Dinge erleben, so dass wir uns selbst nicht mehr kennen; kühles, wahres Leben wird sich auf uns stürzen, und Leidenschaft wird unseren Körper mit Kraft erfüllen. Mit neuer Kraft werden wir aufstampfen, und alles Alte wird abfallen. Wir werden lachen, und Gesetze werden sich kräuseln wie verbranntes Papier.«

Die schwärmerischen Worte des englischen Romanciers D. H. Lawrence klingen wie eine poetische Umsetzung der zeitgenössischen Botschaft, die die Tabakindustrie auf Plakatwände pappt. Ob Marlboro-Man oder Camel-Trophy – das wahre Menschsein, die totale Freiheit, die grenzenlose Leidenschaft scheinen jenseits der Zivilisation zu liegen. Tief zu inhalieren, ist offenbar einer der letzten Zugänge zur Ursprünglichkeit. Und damit die Abenteuerlust nicht allzu groß wird, die Gefahr des Wilden kontrollierbar und die Marke verkäuflich bleibt, schaffen die Werbetexter gleich ein zeitgemäßes Wort: Willkommen in der »Mildnis«.
Während die letzten städtischen Grünflächen versiegelt werden, ist »Wildnis light« längst zum erfolgreichen Markenzeichen geworden. Rückkehrenden Wölfen und einwandernden Bären macht man zwar den Garaus. Aber während sich in den eingezäunten Gärten der Vorstädte die Gartenzwerge tummeln, eröffnet dafür in jedem Nest ein WildGlobe-Treckingladen. Die Mildnis hat eigene Regeln: Während die Zentralheizung im Einfamilienhaus behaglich brummt, lehnen sich Vati und Mutti im Lehnstuhl zurück, werden zu »Wolfsfrauen« und »wilden Männern« oder gehen mit Reinhold Messner oder Rüdiger Nehberg ohne Risiko in der Erlebnisliteratur auf Reisen. Im Kino wird mit dem Wolf getanzt, die traurige Zivilisation in Richtung der intergalaktischen Wildnis verlassen oder das virtuelle wilde Paradies frisch geklont in Pandora gefunden. Und auf die letzten scheinbar unberührten Erd-Flecken zwischen Nord- und Südpol hat für die ganz Mutigen ein Wettlauf der Touristikunternehmen eingesetzt: Zahllose Prospekte bieten Abenteuertrips »in die letzten Paradiese« an, Vollkasko inklusive.
Wildnis – ein Paradox! Ort des Schreckens, Quelle des Lebens. Ort der Sehnsucht, Verpackung für Träume. Metapher für Schöpfung und Chaos, Ursprung und Unberechenbarkeit, Unberührtheit und ­Bedrohung, die das Authentische sucht und zeitgleich Angst wachruft. Wildnis – die große Unbekannte?

Wir stehen einer neuen Wildnis gegenüber
Wer das Verhältnis zwischen Wildnis und Kultur untersucht, forscht an den Wurzeln des Dualismus, der als Mythos das Fundament der modernen Zivilisation bildet: Der feste Glaube an die Spaltung zwischen Mensch und Natur, Geist und Materie, Innen und Außen. In einem 250 Jahre alten Lexikon der Frühaufklärung ist »Wildnis« als die Wohnstätte des Wildes definiert: »Wohlanständige Sittsamkeit kann dort keine Wohnung aufschlagen.« Wildnis war jahrhundertelang das Unmoralische, Gefahrvolle, Ungemütliche, die Naturkatastrophe, die es abzuwenden galt. Der bedrohlichen Wildnis stand die gefahrlose, heimische Kulturlandschaft gegenüber. Wildnis war immer das »ganz Andere«, das, was hier nicht ist.
Wenn wir heute von Wildnis sprechen, dann assoziieren wir immer noch unberührte Natur, Dschungel, Einöde, ein regelloses ­Gebilde und Chaos. Doch die Wildnis ist nicht nur ein Synonym für Unberührtes und Ursprüngliches, sondern auch für das Gegenteil: Wir sprechen vom »Großstadt-Dschungel« und von »Straßenschluchten«, von »Finanzhaien« und »Korruptionssümpfen«. Denn was wir »Kultur« nennen, ist längst außer Rand und Band geraten. Wir stehen – in Zivilisation und Natur – einer neuen Wildnis gegenüber. Statt als heile Öko-Welt tritt uns die ungebändigte Natur in Form von ökologischen Krisenphänomenen entgegen. Indem wir, versorgt mit wilden Pferdestärken, Gase produzieren, die das Weltklima aufheizen, schaffen wir Unkontrollierbares, was uns dann als eine Wildnis mensch­gemachter Katastrophen ganz ungebändigt wieder gegenübertritt. Und wir fragen uns: Sind das Natur- oder Kulturkatastrophen?
»Wildnis« scheint im scharfen Gegensatz zu »Kultur« zu stehen, doch tatsächlich verkörpert sie einen festen Bestandteil derselben: Kultur braucht Wildnis als Gegenpol, um sich zu definieren. Nur vom Nicht-Wilden aus kann der Mensch die Wildnis wahrnehmen und definieren. Lebt er aber in ihr, dann sieht er sie nicht. In der Polarität spiegeln sich die zwei Seelen des Menschen als Naturwesen und als Kulturwesen. Wildnis ist das Unbeherrschte, Unberechenbare, das freie Naturgeschehen, was sich Regeln und Gesetzen entzieht und sich nach eigenen Regeln souverän organisiert. Die wilde Kreatur gilt als autonom und ungezähmt und handelt nach eigenem Willen. Wildnis ist die funktionierende Anarchie, in der ohne äußere Kontrolle das Leben fließt. Deshalb wird Wildnis auch mit persönlicher Freiheit gleichgesetzt. Kultur hingegen ist das Menschengemachte, das dem scheinbaren Chaos entrissene, zugleich aber auch das Duale, das von der ursprüng­lichen Einheit Abgespaltene. Die Sehnsucht nach Wildnis gleicht der räumlichen Utopie eines Orts, der grundsätzlich anders ist als das, was man gerade lebt – angesichts unserer modernen technischen Zivilisation ein idealer Ort, der eben nicht durch Technologie gekennzeichnet ist, sondern durch unberührte Natur. In ihm scheint man sich dem Reglement der ordnungswütigen Zivilisation entziehen zu können. Und was dann?

Kulturschock
Was für ein Schock ist es für unser psychisches Sys- tem, plötzlich aus der Kultur herauszufallen. Erst: Bäume und Straßen, Telefonmasten und vorbeiflitzende Autos, Werbeplakate und Radiogeplärre, Hochgeschwindigkeit, Handyklingeln und die Stimme des Navis. Gerade noch Berge von Daten, die sich aus Medien und Computern über uns ergießen, schlagende Bässe aus Lautsprecheranlagen, das Tosen tieffliegender Jets, das Heulen einer Polizeisirene. Überall Worte, Zeichen und Symbole, die nach unseren Augen zu greifen scheinen und den Blick einfangen, als wäre er eine hilflos taumelnde Motte.
Und dann: Gar keine Worte, Geräusche nur von den Flüssen und dem Wind in den Bäumen, das Knistern des Feuers. Klänge der Nacht im Wald, das archaische Bellen des Rehbocks, der Ruf des Käuzchens, das Flattern der Fledermaus, das Husten des Siebenschläfers. Nur Herzschlag und Atem sind plötzlich so laut. Und winzige Käfer machen einen Lärm, dass die Fantasie Purzelbäume schlägt. Ohren, Augen, Nase und Haut öffnen sich voller Verwunderung, Farbe, Gerüche und Formen werden lebendiger, so als ob sie ihre Schalen und Schuppen hätten fallen lassen. Der Geist nimmt in tiefen Zügen ein Orchester von Eindrücken, von Kräften und Systemen wahr und in sich auf: Sterben und Wiedergeburt rundherum, ein Fluss, der frei strömt, sich leise singend an Widerständen entlangschlängelt; ein Pfad, der sich durch den Wald windet, erst hierhin, dann dorthin. Ein Versprechen von Überraschung, vom Einbruch des Unerwarteten. Ein friedliches, sanftes Licht zwischen den Bäumen hier, das uns hoffnungsvoll lächeln lässt. Dunkle Schatten, Schluchten und Sümpfe dort, die uns schaudern machen und an die Abgründe unseres Herzens und den Morast dunkler Gefühle und gärender Wunden erinnern.
Die Wildnis zu erfahren, ist etwas Körperliches, das der Sprache vorausgeht. Ein dauerndes Déjà-vu uralter Wahrnehmung, Tiefenzeit. Es sind Empfindungen, die sich den Worten entziehen und eher mit musikalischen Metaphern zu begreifen sind: Unhörbare Orchester, in denen alles richtig klingt, Töne, die mit den Saiten unserer Psyche resonieren. Da gibt es Chöre, die in dunklen Nächten entlang nebliger Flüsse zu hängen scheinen, durch die Wildnis gelegte Melodielinien. Momente, in denen der eigene Herzschlag sich nicht mehr von einem Hintergrundimpuls unterscheidet, der wie ein leises Trommeln zu uns dringt. Und manchmal schlicht der Klang gewordene Windwirbel, der mit den Nadelzweigen spielt. Wer das erlebt, schweigt, lächelt vielleicht – und fast jeder berichtet irgendwann von dem subjektiven Gefühl, dass da eine Intelligenz zu uns spricht, Weisheit wach wird in einem wortlosen Flüstern zwischen Mensch und Mitwelt. Doch das ist nichts, was wir kontrollieren könnten. Wer nachts draußen haust und verwundert von weitem auf die Lichter der Straßenlaternen, der heimischen Leuchter und das fahle, blaue Blitzen der Bildschirme schaut, der mag verwundert und staunend erkennen, dass all das aus der Angst vor dem Wilden entstanden ist.
Neunundneunzig Prozent seiner Geschichte war der Mensch Jäger und Sammler und die Wildnis sein Zuhause. Ein Ort der ihn ernährte und bedrohte, den er fürchtete und verehrte. Wir wissen nicht, wie unsere Vorfahren fühlten. Wir können nur ahnen, dass sie tief verbunden waren mit der Welt, die sie umgab. Ungetrennt, beobachtend, lauschend, die Wildnis lesend wie ein Buch. Wildnis – das war die »große Mutter«, nährend und strafend, liebevoll und grausam. Die Spaltung zwischen Mensch und Natur begann mit den ersten festen Siedlungen vor 7000 Jahren. Die schrittweise Umformung der Wildnis in Agrarlandschaften vollzog sich bis ins Mittelalter. Die unsichtbare Grenze wurde mit Palisaden und Stadtmauern sichtbar gemacht. Innen war Kultur, außen das Andere. Dort hausten die »wilden Menschen« der Märchen und Sagen. Bis ins 16. Jahrhundert dauerte es, bis die Benediktiner und Zisterzienser auszogen, Klöster in die Wildnis und Kirchen in das Dorf setzten, und mit dem Slogan »ora et labora« die Wälder rodeten, das Land »urbar« machten und seine Bewohner christlicher Sitte und Moral unterwarfen. Kontrolle durch Kolonisation lautete die Devise der sich ausbreitenden Zivilisation. Kolonisation der Wildnis, Kolonisation der wilden Menschen, Kolonisation der Frau, Kolonisation der eigenen Natur. Zähmung war der primäre kulturelle Impuls – ­bildhaft geworden in den gezirkelten französischen Gärten, die den Anspruch absoluter Kontrolle manifestierten und im absolutistischen Staat ihren letzten Ausdruck fanden. Kulturgeschichtlich setzte sich ein Denken durch, das die Wildnis als »unfertige Schöpfung« charakterisierte, in der es dem Menschen oblag, Gottes liegen­gelassene Arbeit zu vollenden. Immer weiter trieb man die Trennung von Mensch und Natur.
Doch die Überwindung der Wildnis hatte erodierende Wunden nicht nur ins Antlitz der Erde geschlagen, auch in der Seele der Menschen klaffte bald ein Loch. Weil die wilde Natur Jahrhunderttausende lang primärer Bezugspunkt gewesen war, wuchs die Sehnsucht nach dem unberührten, freien, natürlichen Leben. Einerseits repräsentierte die Wildnis die gefährliche, unberechenbare Natur, vor der man sich schützen musste, andererseits war sie heiliger Raum und Wohnort der Götter, die man verehrte.
Einerseits symbolisierten die »wilden Männer« in den Mythen tierhafte Unzivilisiertheit, ungebremste Sexualität und unkontrollierte Gewalt, andererseits repräsentiert schon das älteste mythische Urbild dieser Gestalt, Enkidu im Gilgamesch-Epos, ein psychisch feinfühliges Wesen, das prophetische Träume deuten konnte und der Natur heiligen Respekt entgegenbrachte. Einerseits war der mittelalterliche Wald ein bedrohlicher, gefährlicher Ort mit wilden Tieren und giftigen Pflanzen, Zuflucht der »Vogelfreien« und Verbannten, andererseits der Nährboden und Refugium für Ideen, Philosophien, heilkundliches Wissen, Widerstand und Rebellion. Auch die modernen Bilder vom »edlen Wilden« verkörpern diese Doppeldeutigkeit. Gelten sie doch als zurückgeblieben, abergläubisch und unzivilisiert, während man ihnen zugleich unverdorbene Würde und reine Moral, Tapferkeit und Zähigkeit attestierte – oder unterstellte. Literarische Gestalten wie der letzte Mohikaner, Winnetou, Robinsons Begleiter Freitag oder Tarzan genießen bis heute eine große Popularität, die deutlich macht, welche Bedeutung diese Tugenden, die der Zivilisation zum Opfer gefallen sind, für uns nach wie vor haben.
Die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation aber verlagerte sich in den Bereich der psychischen Innenwelt. Kultur bedeutete schon bald Affektkontrolle und Körperdisziplin. Sigmund Freud hatte die innere Wildnis das »Es« genannt und seine Kontrolle und Unterwerfung durch die Ordnungsmacht des »Ich« nicht zufällig mit Sinnbildern belegt, die aus dem Bereich der Flurbereinigung, Domestizierung, Landnahme und Sklaverei stammen: »Gefesselte Sklaven der Triebe tragen den Thron der Herrscherin. Wehe, wenn sie befreit würden. Der Thron würde umgeworfen, die Herrin mit Füßen getreten«, schwadronierte der Erfinder der Psychotherapie. »Das ›Es‹ ist ein Chaos, hat keine Organisation, bringt keinen Gesamtwillen auf, kennt weder logisches Denken noch Moral. Es ist ein sumpfiges, morastiges Gebiet, das erst durch die Ich-Entwicklung überhaupt urbar wird.«
Wie sehr sich innere und äußere Kontrolle bei den Bemühungen, die Triebnatur zu unterwerfen, ins Unermessliche steigern, hat Norbert Elias in seiner Zivilisationstheorie ausgearbeitet. Mit einer Fülle von Belegen zeigte er, wie seit dem Mittelalter die Affektkontrolle zugenommen hat und nun ein menschlicher Sozial­charakter vorherrscht, den Elias den »Homo clausus« nannte: Ein gegenüber der Umwelt abgeschlossener, in sich verschlossener, wenn nicht sogar eingeschlossener Mensch, vorwiegend ein Mann, dem innere und äußere Natur gleichermaßen fremd geworden sind.
Kann der zurückkehren – und wenn ja, wohin?
Fraglos ist: Die vom Menschen unberührte Natur ist im Zug dieser Entwicklung verschwunden. In einer Zeit, in der Luft, Gewässer und Böden mit zehntausenden Produkten der chemischen Industrie durchsetzt sind, gibt es keinen Flecken mehr, der naturbelassen geblieben ist. Alles »Unberührte« ist Illusion, jeder Traum der Rückkehr Realitätsflucht. Die Wildnis der Zukunft wird neu und anders sein.

Die alte Paradies-Vision neu kultivieren
Unsere Schöpfungsgeschichte endet mit der Vertreibung aus dem wilden Garten des heiligen Paradieses. Und die Kulturgeschichte besteht seitdem in dem Versuch, ein neues Paradies zu schaffen. Bis heute haben wir es in den »Urban Jungles« nur zu Möbel- und Einkaufsparadiesen gebracht. Der Einblick in die Wildnis könnte aber dazu beitragen, auch die Kulturlandschaft als wilden Garten zu gestalten und damit die alte Paradies-Vision neu zu kultivieren. Denn je mehr die Wildnis zurückgedrängt wurde, desto wichtiger wird sie für den Menschen, der ja biologisch immer noch der alte ist. Die Wildnis ist zur Metapher unserer Träume geworden, zur Projektionsfläche für unsere innere Natur, zum Symbol unserer Sehnsucht nach Rückbindung an etwas viel Größeres, was jenseits menschlicher Kontrolle liegt – selten mal geahnt in Momenten der Stille, der Harmonie oder des Schreckens auf Berggipfeln, an schroffen Küsten, in Sturmnächten oder unter Sternenhimmeln. Ein Pilgergang, ein ­Retreat, eine Auszeit in der Wildnis können deshalb Weltbilder ins Rutschen bringen, weil die Selbstorganisation dort draußen viel weiser scheint, als alle wackeligen kulturellen Konstruktionen. In ihr lässt sich erkennen, wo wir herkommen, welche Rolle im Netz des Lebens wir spielen, wo wir stehen auf der Reise durch das Leben. Die Wildnis vergewissert den Menschen seiner Selbst, zwingt zur Rückkehr auf das Wesentliche, fordert Präsenz und Achtsamkeit gegenüber dem Geheimnis des Lebens. Sie bricht ein für allemal mit der zivilisatorischen Lüge, dass wir getrennt wären von der Natur, und beendet jeden Anthropozentrismus, der allein den Menschen an die Spitze der Schöpfung stellt. Es ist eine emanzipatorische Weisheit für den überkulturierten Menschen, die da draußen aufbricht. Brauchen wir also Wildnis als Ort des Lernens für eine inspirierte Form des »Kulturschutzes«, und sollten wir dafür weniger über Parks für Naturschutz nachdenken?
Der Ökologe und Alternative Nobelpreisträger Michael Succow fordert ebenso wie der Pionier des deutschen Naturschutzes Hubert Weinzierl bereits die Einrichtung von Wildnisschutzgebieten als »heilige Räume«. Auch kritische Theologen wie Eugen Drewermann stimmen zu: »Mir scheint der Amazonas-Urwald heiliger als der Petersdom.« Das bedeutet nicht, die Wildnis als romantischen Ort zu idealisieren. »Die Natur ist so wenig eine Idylle, wie Gott lieb ist«, sagt pointiert der Wissenschaftsphilosoph Klaus-Michael Meyer-Abich.
Die Grenze zwischen Wildnis und Kultur scheint hauchdünn. Nicht nur, weil der Mensch biologisch Natur ist und bleibt, sondern auch, weil angesichts eines neuen Naturverständnisses die alte Polarität ad acta gelegt werden muss. Tatsächlich wird – kurz bevor sie vom Globus verschwunden ist – die Wildnis heute neu und anders entdeckt: als Lernfeld für Komplexität und allgegenwärtige Selbst­organisation, für die Kreativität offener Systeme und funktionierender Kreisläufe jenseits menschlicher Kontrolle – Wildnis wird zu nicht weniger als zur Matrix des Lebendigen. Sie macht der Wissenschaft heute deutlich, dass die Welt auch ohne menschlichen Eingriff bestens funktioniert und es keiner Verbesserung einer vermeintlich unfertigen Schöpfung bedarf. Wilde Systeme wie Tümpel, Regenwälder oder Wetterformationen zeigen uns faszinierende Regeln der Selbst­organisation. Mensch beginnt zu begreifen, dass die Organe seines Innenlebens – Herz, Nieren, Gedärme oder Genitalien – wildes Land sind, durchzogen von sprudelnden Blutflüssen, Lymphe, Speichel, ­Samen und Schleim, die kulturell ganz und gar unkorrekt funktionieren und sich durchaus wild gebärden können. Moderne Therapien entdecken den Körper in seiner Weisheit neu und öffnen über diesen wilden Zugang Türen zu Psyche und Geist. Pädagogen wollen dem Nachwuchs in Waldkindergärten und mit wilder Didak­tik soziales und harmonisches Verhalten beibringen. Erlebnis­pädagogik soll den zivilisationsgeschädigten modernen Menschen zurück zur eigenen Natur bringen, Umweltpädagogik anhand sinnlicher Naturerfahrung den richtigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen lehren. Nicht weniger als 70 »Naturschulen« und Hunderte von »Umwelt­stationen« wurden in den letzten Jahren gegründet. Der neue Zweig der Ökopsychologie konstatiert, dass die natürliche Umwelt und die psychische Innenwelt ein und dasselbe seien: Wir ­sähen die Welt so, wie wir sind; wer von der eigenen Natur getrennt sei, könne auch keine gesunde Beziehung zur Umwelt entwickeln. Um die innere Wildnis zu erforschen, wandelt sich die Psychotherapie seit Jahren zur Erlebnis- und Körpertherapie, in der die Triebnatur nicht mehr wortreich kontrolliert, sondern offen ausagiert werden soll. Da ist Wildnis nicht mehr das Gegenteil von Kultur, sondern wird zu ihrem Werkzeug.
Die verbliebenen Reservate von Wildnis werden dabei zu Lehrstücken einer ständigen Evolution, in denen man dem Wilden beim Gestalten der Welt zuschauen kann. Konsequenterweise spricht man heute nicht mehr vom musealen »Naturschutz«, sondern vom dynamischen »Prozessschutz« und lässt – wie im Naturpark Bayerischer Wald – die Finger von der Wildnis und dem Borkenkäfer freie Bahn. Dahinter verbirgt sich nicht weniger als ein Bewusstseinswandel von kulturhistorischen Ausmaßen: Nachdem sich menschliche Kultur über Jahrtausende über die Abgrenzung von der Wildnis definierte, wird das Wilde heute zum schützenswerten Kulturgut. Statt den Menschen als Veredler von Gottes unvollkommener Schöpfung zu sehen, fordert die neue Würdigung der ungezähmten Natur eine neue Rolle des Menschen – die des wachen Beobachters und verantwortungsvollen Gärtners im Netzwerk des Lebens. Statt die Wildnis nach Außen zu projizieren, wird dem Menschen deutlich, dass er selbst ein nur sehr oberflächlich kulturell geprägtes Wesen ist. »Die zivilisatorische Schicht«, so hat der Psychologe und Wildnisforscher Robert Greenway festgestellt, »ist nicht dicker als drei Tage!« 

Geseko von Lüpke (51), Politologe und Ethnologe, Journalist und ­Autor zahlreicher ­Bücher über Nachhaltigkeit und Bewusstseinswandel, Visionssuche-Leiter.

Wilder Lesestoff:
Sylvia Koch-Weser, Geseko von Lüpke: Vision Quest – Visionssuche:
In der Wildnis allein auf dem Weg zu sich selbst, Drachen Verlag, 2010  

Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen ein Ozean – Isaac Newton.

Heute habe ich ein Video gesehen, in dem ein Coach seinen Zuschauern klar zu machen versucht,
dass es nur auf ihn selbst ankommt: Du bist der einzige Mensch, den du ändern kannst.
Es stimmt: Der einzige Mensch, den ich wirklich ändern kann, das bin ich selbst. Ändere ich mich,
dann ändert sich meine Welt. Und nur darauf kommt es ja auch an. Ich bin der Produzent, der
Regisseur und auch der Hauptdarsteller meines eigenen Lebens. Zumindest wenn ich weiß, was
ich in meinem Leben will und wo es lang gehen soll. Ich schüttel die Fremdbestimmtheit ab, zu der
mich meine Gesellschaft tagtäglich aufs Neue konditioniert und ersetze sie mit meiner
Selbstbestimmtheit. Wenn man das verinnerlicht hat, ist das so banal, dass man selbst gar nicht
mehr darüber nachdenkt. Und wenn man es dann wieder hört, merkt man erst, wie lange man
selbst schon danach lebt. Das wirklich Erstaunliche daran ist auch, dass man selbst viel
zielgerichteter, zufriedener und auch glücklicher in dem wird, was man anstrebt, zu tun. Man trennt
sich dann auch von dem Hamsterrad, das ab Werk für jeden Erdenmenschen vom System für
einen erschaffen wurde.
Wer glaubt, man müsse den anderen ändern, ihn zum Objekt der eigenen Bedürfnisse modellieren,
damit sich etwas im eigenen Leben ändert, der wird Leid, Kampf, Schmerz, Wut und Trennung
ernten. Wer einen anderen Menschen ändern will, zwingt ihn in zwei lästige Kategorien hinein.
Erstens macht man ihn dadurch zu einem Objekt, das gehorchen soll und zweitens zwingt man
diesen Menschen dann auch in eine Fremdbestimmung hinein. Wer das alles für sich selbst
ändert, der wird sein wahres Leben leben und, er wird die alten Prinzipien bei anderen nicht mehr
einsetzen. Er weiß jetzt, dass auch der andere sich freiwillig selbst ändern kann. Der andere darf
nicht dazu gezwungen oder intensiv dazu aufgefordert werden. Das Leid, der Kampf und das Elend
werden im Hamsterrad erst erzeugt. Die Kunst besteht darin, einen Sog zum eigenen Leben zu
erwirken, der einen dann mit dem erfüllt, für was man selbst meint, im Leben stehen zu wollen.

Materialismus als postmoderner Gottesdienst
Dieser Schritt ist der erste und der wichtigste Schritt, der dem Weg zur eigenen Spiritualität
vorausgeht: das nicht mehr akzeptieren des Hamsterrades und das Verständnis dafür, einen Sog
zum Leben, zu den Menschen und zum eigenen Lebensweg zu erzeugen. Mann rennt den Dingen
nicht mehr hinterher, sondern man verändert sein Bewusstsein, damit sich die Dinge zu einem
hinbewegen. Dazu braucht man keinerlei Zeitmanagement, man benötigt dazu Vorstellungskraft
und ein genaues Wissen darüber, wie man selbst tickt. Es ist wichtig, eine innere Bereitschaft dafür
zu erlangen und sich zu vergegenwärtigen, dass diese materielle Welt eine unvollständige Welt ist,
eine riesige und gewaltige Illusion, in der ich bisher eine Scheinwelt aufrecht erhalten habe, in die
ich hineinkonditioniert bin und ich sie daher für die einzig wahre Welt halte.
Diese Welt erzwingt nicht nur in mir, sondern in allen Menschen, die in sie hineingeboren werden,
falsche und völlig unvollständige Weltbilder, die zu einer genau so falschen Weltwahrnehmung und
daher zu falschen oder unvollständigen Schlüssen zwingt. Ist mein Weltbild falsch, weil ich drei
kleine Tortenstücke für die ganze Torte halte, wird meine Backkunst eine völlig falsche und
wahnhafte Wahrheiten in mein Bewusstsein einladen. Ich werde nicht bemerken, dass drei kleine
Tortenstücke keine ganze Torte sind. Sich dessen gewahr zu werden ist ein sehr schwieriger, oft
auch langwieriger und auch mutiger Schritt. Wer ihn geht, hat vermutlich selbst mal drei kleine
Tortenstücke für eine ganze Torte gehalten.
In dieser uns allen aufgezwungenen Weltsicht geht es nur und ausschließlich um materielle Werte.
Dort wirkt der Materialismus, der präziser in der Philosophie als Monismus diskutiert wird, oder
salopp als Verdinglichung allen menschlichen Wirkens. Das Leib-Seele-Problem ist so alt wie die
Moderne oder der Klassizismus europäischen Denkens, der das sogenannte Mittelalter überwand
und die Neue Welt für sich entdeckte. Der Materialismus ist in unserer Zeit die Grundlage für alles,
was mit Geld- und Finanzwerten zu tun hat. Nicht etwa, wie häufig angenommen wird, ist Geld der
Gott der Menschen geworden. Es ist der Materialismus. Ihn haben die Menschen im Zeitalter der
globalen Finanzmärkte zum Gott und zum Fetisch ihrer gesamten Weltsicht erklärt. Nur was aus
ihm entsteht, oder mittels ihm wechselwirkt, hat logische Gültigkeit. Alle anderen
Bewusstseinszustände sind durch das Weltbild des Materialismus gefiltert.
Und selbst wenn außerhalb des Materialismus wissenschaftlich evidente Theorien entstehen, wie
zum Beispiel in der Quantentheorie, der Quantenphilosophie, den wissenschaftlichen Ergebnissen
der Nahtod-Forschung, oder in der Wissenschaft vom Geistigen, der Anthroposophie, sind sie noch
immer für die Mehrheit der Menschen esoterischer Quatsch, ja reinste Zeitverschwendung. Das
liegt am Materialismus, den so gut wie jeder Mensch in der westlichen Welt mit der Muttermilch
aufgesogen bekommt. Der Materialismus wechselwirkt nur mit sich selbst. Alles was außerhalb von
ihm existiert, existiert für einen Materialisten nicht. Der Materialismus sagt: Alles ist Materie, alles
wechselwirkt nur mit Materie, alles kommt aus der Materie und alles wird durch die Materie
bestimmt.
Seinen berühmtesten Satz sprach Albert Einstein aus, als er sich mit Niels Bohrs komplementären
Wirklichkeit auseinandersetzte und den damaligen jungen Quantentheoretikern entgegnete Gott
würfelt nicht.
Heute weiß die Physik der Quanten, dass es gar keine Materie gibt. Sie existiert in Wahrheit gar
nicht. Auch wenn sie uns hart oder unbeweglich vorkommen kann, wir uns an ihr stoßen können
oder riesige Bagger benötigt werden, um den Kohleabbau zu ermöglichen.
Daher ist die erste Hürde oder harte Nuss, zu erkennen, was der Materialismus ist und was er in
mir selbst für ein Weltbild erzwingt. Wie ich ihm verfallen bin und vor allem, wer von ihm profitiert.
Warum wollen so viele, dass ich ihm anhänge und ich alles in mir nach seinem Bilde ausrichte?

Das Bewusstsein als Quelle der Weiterentwicklung
Sich selbst zu verwirklichen heißt in der materiellen Welt, dass man höher, schneller und weiter
kommt, als der andere. Und das man sehr viele Dinge anhäuft. Man optimiert sich für das System,
passt sich intensiv an, richtet sein Leben nach ihm aus, was bedeutet, dass man sich nicht für sich,
sondern für den Erhalt und Ausbau des Systems anstrengt und abrackert. Sich selbst zu
verwirklichen heißt in der spirituellen Welt, seinen Geist und sein Bewusstsein weiter und immer
weiter zu entwickeln. Das geht dann eher in die Richtung eines integralen Bewusstseins, eines
anthroposophischen Bewusstseins oder in Richtung des Akasha-Bewusstseins, um nur drei
Möglichkeiten aufzuzeigen.
Das Bewusstsein ist in Entwicklungsschichten aufgebaut und doch ist es ein Kontinuum. Step by
step heißt es da, wer Bewusstseinsarbeit leisten will. Es gibt kein Überspringen oder hektisches
Erfüllen von Aufgaben. Genauso wenig ist jemand weiter oben oder unten in der
Bewusstseinsarbeit. Jeder Bewusstseinszustand ist immer der richtige Bewusstseinszustand.
Jeder Zustand ist ein Ackerfeld, das bestellt werden muss, damit alle Bereiche des Zustandes mit
meiner Fülle an Lebendigkeit erfüllt wird. Erst dann kann es weitergehen zum nächsten Zustand.
Die jeweiligen Bewusstseinsübergänge zeigt einem das Feld dann wie von selbst an, wenn man es
mit sich selbst erfüllt hat. Rudolf Steiner hat hier eine Anleitung für das Erlernen und die
Fortentwicklung unseres Bewusstseins erschaffen, der Arbeit an sich selbst. Er hat im Alleingang
den wissenschaftlichen Werkzeugkoffer dafür zusammengestellt. Erlernen muss jeder seine
Geistes- und Bewusstseinszustände dann doch selbst.
Heute ist mir ganz klar, dass das Bewusstsein nicht in unseren Gehirnen sitzt. Doch lange glaubte
auch ich, dass mein Gehirn alles aus sich heraus erzeugt.
Auch ich war dem Materialismus hörig und hinterfragte gar nichts. Er erschien mir logisch. Wir
haben ein Gehirn, also muss auch alles, was ich denke und erlebe, allein aus ihm entstehen. Ich
studierte die Evolutionstheorie und sie erschien mir schlüssig und wahr. Ich studierte die Physik
und sie erschien mir als eine vollumfängliche Erklärung der Welt. Die Physik und die Biologie
waren meine Welterklärung. So war es lange für mich und ich achtete die Spiritualisten nicht
sonderlich. Ich dachte, sie müssen sich irren und ich dachte, es seien völlig verirrte Geister. Dass
auch ich lange Zeit brauchte, um mein rationales Bewusstsein auszubauen, um in den nächsten
Bewusstseinszustand meines Selbst zu gelangen, hatte ich damals noch gar nicht verstanden. Und
dann ergab er sich von ganz alleine. Ich glaube, so ergeht es vielen, die plötzlich ihren ganz
eigenen Spirit verstehen.
Kreativität, also mit den eigenen Ideen und Gedanken etwas zu erschaffen, was so noch nicht in
unserer Welt vorhanden ist, ist einer der wichtigen Schlüssel, um ein Verständnis für das
Geisthafte in uns selbst zu begreifen. Dann fragt man sich nämlich so manches Mal, Was!?, das
soll von mir stammen!?, das habe ich gemacht!!? Oder man hat ein einschneidendes Erlebnis, das
ganz unmöglich mit den Mitteln des Materialismus erklärt werden kann. Wovon es übrigens viele
gibt. Sehr viele Menschen haben Erlebnisse, die sie sich nicht erklären können, über die sie
schweigen, weil man sonst für verrückt erklärt wird. Denn das materielle Weltbild beherrscht den
gesamten Mainstream, die gesamte Wissenschaft, die Bildungseinrichtungen komplett und die
gesamte intellektuelle Ebene der Menschen. Wer hinterfragt sich selbst schon in diesen Ebenen?
Die meisten suchen fortwährend Bestätigungswissen und verhärten auf diese Weise ihre
Weltauffassung immer mehr.
Wenn man also annimmt, dass das eigene Bewusstsein nicht im Gehirn sitzt, sondern dass das
Gehirn auch ein Sender und Empfänger ist, dann verhält es sich mit dem, was wir Bewusstsein
nennen, plötzlich ganz anders und vieles, was wir bisher nicht erklären konnten, können wir
erklären. Denn wenn unser Gehirn auch ein Empfänger und Sender ist, dann muss es auch ein
Empfangsfeld geben, in der alle Informationen gespeichert sind. Die Literatur hierüber ist groß und
unterschiedliche Ansätze beschreiben dort diese Felder. Am bekanntesten dürften die
morphogenetischen Felder von Rupert Sheldrake sein. Oder der nichtlokale Raum der
Quantenphysik.
Menschen, die solche Dinge plötzlich erleben, die Eingebungen haben oder Dinge sehen, die es
innerhalb des materialistischen Weltbildes nicht geben dürfte, für die sind diese Erlebnisse oft so
einschneidend, dass sie anfangen, anders zu leben. Menschen, die davon hören, tun diese Dinge
oft als Hirngespinste ab. Daher spricht man auch nicht über solche Dinge, da man sonst befürchten
muss, als Vollidiot für die anderen dazustehen. Man schweigt dann lieber darüber. Wer so etwas
erlebt hat oder solche Erlebnisse herbeilenken kann, der hat den Zugang zur Quelle geöffnet oder
kann diesen Zugang öffnen. Viele haben wirklich die Möglichkeit, diesen Zugang willentlich zu
öffnen und zu schließen. In diesem Sinne bestimmt der Materialismus die gesamte Aufklärung und
er konzentriert sich einzig auf das gesellschaftspolitisch Machbare. Die Möglichkeiten und Realität
unseres menschlichen Geistes wird im Materialismus extrem unterbewertet. Innerhalb der
Psychologie und der Neurobiologie wird weder das Bewusstsein noch der Geist auf diese Weise
interpretiert oder nachgeforscht, was es mit der Wahrnehmung der feinstofflichen Welt auf sich hat.
Sie wird belächelt, als unwissenschaftlich abqualifiziert und als wahnhafte Spukidee abgetan.
Das Bewusstsein fließt, sagt man und, Du hast es geschafft, diesen Kanal zu öffnen. Je häufiger
du es tust, desto leichter wird es dir weiterhin fallen, den Zugang zur Quelle zu öffnen und die
geistigen Dinge in diese Welt hinein zu holen. Du bist dann ein Empfänger und empfängst die Welt
dort, wo du als Erfahrungskanal wirken kannst.
Das können ganz unterschiedliche Kanäle sein. Die Frage ist nun, was ist denn diese Quelle?
Dafür gibt es viel Worte, auch Wissenschaftliche. Gemeinhin wird sie als Bewusstseinsfeld
gesehen, als nicht lokaler Raum in der Quantentheorie, als Geistwelt, oder als Interwelt, wie sie der
Biophysiker Ulrich Warnke in seinen Büchern über die Quantenphilosophie beschreibt.
Übrigens, kein geringer als Stephan Hawking war es, der mit seiner Hintergrundstrahlung
schwarzer Löcher diesen Fehler in seiner Theorie begann und die Information innerhalb der
Quantenstrahlung versehentlich nicht mitberechnete. Hawkings Theorie berücksichtigte nicht die
Entropie ordnender Informationen, die von den Teilchen am Rand schwarzer Löcher selbst
emittiert werden. Was heißt, dass Informationen über alles, buchstäblich über alles im Universum
gespeichert wird. Jedes Ereignis in der Welt erzeugt automatisch auch die gesamte ihm
zugehörige Information dazu. Das abgespaltene Ganze davon nennen wir Seelenzustand oder
Zugang zur Geisterwelt. Wobei das Wort Geister hier nicht irgendwelche Geisterwesen meint, die
wir aus irgendwelchen Horrorfilmen Hollywoods kennen. Geister stehen in der spirituellen Welt für
Ideenrepräsentanten. Und Ideen stehen für Schöpfungszustände, die ein Mensch über seinen
Geist in diese Welt holen kann. Und das ist dann auch damit gemeint, dass alles miteinander
zusammenhängt oder vernetzt ist. Alles ist Eins. Dein Geist ist permanent mit allen Geistwesen
vernetzt. Es liegt an deiner Ausrichtung, welche Idee du in diese Welt holst oder zulässt, dass sie
in deinen Geist als Idee gelangt. Alles Geistige zusammen ist die QUELLE. Dieser Geist oder die
Seele ist Teil meines ganzen physischen Körpers und ist aufs Tiefste mit ihm verbunden. Über
unseren gesamten Körper und unserem Gehirn können wir diesen Geist fühlen und ihn spüren.
Das Gehirn ist für einen spirituellen Menschen Empfänger, Sender und Speicher von Ideen und
Informationen. Es ist der Zugang zu den geistigen Welten und geistigen Wesenheiten. Jedem
Quantenzustand folgt ein Informationsausstoß, der von den Teilchen selbst in dem Moment, wo ein
Zustand eintrifft, emittiert wird. Das passiert pausenlos mit allem, was in die Welt kommt oder sich
in ihr ereignet. Auch in uns entstehen milliardenfach solche Informationsausstöße. Der Inhalt der
Information enthält exakt sein Ereignis. Über den Astralleib können bestimmte Menschen dieses
Informationsfeld sehen und fühlen, wie es um den Zustand des gesamten Menschen gerade
bestellt ist. Wir alle werden auf das materielle Weltbild gebürstet. Daher ist es anfangs schwer zu
verstehen, was mit dem bisher Beschriebenen wirklich gemeint sein kann. Längst gibt es
wissenschaftliche Forschungen dazu, die jedoch, wen wundert es, nicht Eingang in den
Mainstream finden. Noch sind alle Posten mit Materialisten besetzt, die einen Beitrag dazu einfach
nicht zulassen.

Du wirst andere erzürnen
Ein weiterer wichtiger Schritt ist zu verstehen, dass nur du dich ändern kannst und du niemand
anderen zu ändern brauchst. Denn nur wenn du dich änderst, ändert sich die Welt in dir – deine
Welt. In diesem inneren Sinn geht es in deinem Leben nur um dich, nicht um die anderen. Die
Anderen sind zum Teil Teile deiner Welt, nie aber geht es in deiner inneren Welt um die äußeren
Umstände anderer Personen oder anderer Dinge. Es geht um dein Vorwärtskommen um deine
Schöpfertätigkeit und um deine Geistesbildung. Vergiss zu glauben, dass Bildung das ist, was dir
in der Schule beigebracht wurde. Denn egal wie du es wendest: Es gibt nur die Welt, die du siehst,
die du erkennst. Das ist die Welt, in der du bist, in der du schöpferisch unterwegs bist. Andere
Menschen sind in ihrer Welt unterwegs. Niemand kann in der Welt eines anderen schöpferisch
unterwegs sein. Das Einzige was andere können ist, ihre innere Welt zu verändern. Nie aber deine
Welt, der du dich hinwendest. Wendest du dich von ihr ab, wendet sich nicht die Welt, sondern du
dich von deiner Welt ab. Hier benötigst du für deine Stabilität manchmal enorme Energien, damit
deine Welt bestehen bleibt. Mein ganz persönliches Vorbild in schwierigen Augenblicken ist der
Psychoanalytiker Erich Fromm, der einmal das Gleichnis aller individuellen und existenziellen
Problemen mit seinen Auschwitz-Erlebnissen in ein Gleichnis verwandelte: Jeder hat sein
Auschwitz. Damit meinte er, dass jeder existenzielle Schmerz oder eine subjektiv höchste Not von
gleicher Qualität sei und als Antwort immer die gleiche Erkenntnis verlangt: Tue alles individuell
Mögliche, damit du am Leben bleibst und in deiner vollen Vitalität das Notwendige dafür tust.
Verlasse niemals die Idee deines Lebens, weswegen du am Leben bleiben willst.
Feindbilder, zu denen du in solchen Lagen neigst, anheimzufallen, sind Anhaftungen einzig der
materialistischen Weltsicht. Nicht der spirituellen Erfahrung. Alle Feindbilder, die du vielleicht bisher
gebraucht hast, brauchtest du nur deswegen, weil du dieser Feind, das Feindhafte selbst warst und
dieses Feindhafte in den unterschiedlichsten Kostümen und Gruppen hineinprojiziert hast. Einen
spirituellen Menschen werden andere jedoch zum Feindbild machen, weil sie nicht verstehen, wer
er ist oder was er da macht, wieso er so merkwürdige Worte spricht und wieso dieser Mensch so
anders ist und nicht bei dem mitmacht, bei dem fast alle mitmachen. Im Zuge der Umorientierung
der politischen Systeme bis heute hinein, waren die Spiritualisten weit offensichtlicher zu erkennen,
da der Materialismus die Welt nicht erklärt und dies damals weitaus offensichtlicher zu erkennen
war, als heute.
Damals gab es keinen Gustave Le Bon, keinen Edward Bernays, keinen Walter Lippmann und
auch keinen Daniel Kahnemann, die uns allesamt erklären konnten, wie es um unsere geistigen
und psychischen Schwachstellen wirklich bestellt ist. Die Elite eignete sich deren Forschungen an,
setzte es um, um die Massen zu kontrollieren, zu lenken und einzig für ihre Zwecke zu
missbrauchen. Die Masse jedoch weiß um diese Machenschaften größtenteils nichts und denkt,
dass ihr Wissen, dass sie aus den Fernsehanstalten, und den Printmedien bekommen,
wahrheitsgetreues Wissen darstellt. Sie halten sich für aufgeklärt und glauben wirklich, dass sie
sich ihr Wissen und ihre Weltbilder dazu unabhängig und selbst erschaffen haben. Ihnen fällt nicht
einmal auf, dass in ihrem Umfeld alle fast das Gleiche Wissen besitzen und sich gleich zu allem
Verhalten. Das dieses Wissen zum großen Teil Lenkungswissen ist, kommt ihnen nie in den Sinn.
Um dieses System aufrecht zu erhalten, müssen die Systemerhalter das System erhalten. Und aus
den Wissenschaften wissen wir, dass es quasi ein Naturgesetz ist, das sich Systeme in allererster
Linie immer selbst erhalten. Dafür benötigen sie viel Energie.
Die politische Welterklärung der Spiritualisten war und ist die, dass die Versklavung, die
Ausbeutung der Menschen und dieses Planeten nur mit zerstörerischen Kräften möglich ist. Der
Materialismus an sich benötigt eine ungeheuer große und zeitlich weitreichende Umspannung
destruktivster Kräfte, damit er sich überhaupt als Hauptweltbild der Menschen verbreiten konnte.
Sein Mittel ist Angst, Mangel und Manipulation. Da die Spiritualisten dies schon sehr früh
erkannten, musste man sie stigmatisieren. Denn alle spirituellen Menschen lassen sich ihre
Gehirne nicht von anderen bestimmen. Und das ist eine große Gefahr für die materialistischen
Machthaber, weltweit. Heute werden sie oft abwertend auch Rechtsesoteriker genannt.
Wenn man mit seiner eigenen spirituellen Kraft beginnt, weiß man noch nichts von den Gegnern.
Sie werden sich aber zeigen, sobald du routinierter und gefestigter mit deiner spirituellen Weltsicht
unterwegs bist. Sobald deine spirituelle Idee öffentlich auffällt, kommen sie aus ihren Löchern.
Vorher wirst du bloß belächelt und als Spinner abgewatscht.
Daher ist der dritte Schritt das Verstehen des Gehorsams, den man vielleicht zuvor mitgemacht
hat. Man passte sich an die Mehrheit an, weil wir Menschen die Gruppe brauchen. Wenn zehn
Leute sagen, dass hier, das ist grün und du genau siehst, dass es rot ist, dann wirst du nicht gegen
die anderen sagen, dass es rot ist. Du wirst am Ende des Tages sagen, dass hier, das ist grün.
Weil du die Gruppe brauchst und nicht weist, dass du voller Kraft und Mut bist. Wir sagen in der
Mehrheit Ja, obwohl wir wissen, das wir Nein hätten sagen sollen und umgekehrt. Das haben wir
dann so lange gemacht, bis wir es nicht mehr bemerkt haben. Alles was wir vorher taten, entfernte
uns von uns selbst: Wer bin ich?, war nicht mehr wichtig. Woher komme ich?, war dort
Geschwurbel. Und, wohin gehe ich?, war ein Thema, das mit Angst besetzt wurde. Sterbe auch
ich? Was ist der Tod? Ein spiritueller Mensch fängt hierbei jetzt zu lachen an. Er lacht nicht aus, er
lacht, weil er sich seiner Angst erinnert und nun weiß, wie unbegründet sie war. Er kann sich jetzt
nicht mehr vorstellen, etwas anderes zu sein als das Leben selbst, voll und ganz, das gesamte
Leben. Der Tod ist für ihn Teil des Lebenskonzeptes selbst geworden und nicht das Ende aller
Dinge.

Lebe ohne Feindbilder
Die Wettbewerbsgesellschaft kennt nur die Auseinandersetzung, das Verdrängen des anderen und
den Sieg über das Unrichtige und Unfertige. Ein spiritueller Mensch hat dazu nicht mehr auch nur
einen Grund. Er muss nicht siegen und gewinnen mit miteinander Reden verwechseln. Reden ist
für ihn die Gewissheit eines geistigen Austausches und Befruchtens von anderen Möglichkeiten
der Wahrheitsperspektiven. Ein spiritueller Mensch ist sehr glücklich, wenn er auf einen Menschen
trifft, der diese Sichtweise des Miteinanders ebenfalls pflegt und darin geübt ist. Geistiger
Austausch ohne Wettbewerb von Gedanken ist für ihn das Wesen der Kommunikation.
Wenn man zum Beispiel keine Feindbilder mehr braucht, dann gelingt einem auch, die Meinung
eines anderen einfach stehen lassen zu können. Man muss weder intervenieren, noch muss man
seine Meinung über das gleiche Thema jetzt kundtun, um in eine Meinungsauseinandersetzung zu
geraten und möglichst recht zu bekommen. Streit, egal welche Form von Streit, ist Teil eines
materialistischen Weltbildes.
Das verwirrt die meisten noch materiell verhafteten Menschen, da sie nur durch nicht Ausreden
lassen können, durch energischer Reden müssen und durch Rechthaberei sich ihre bessere
Meinung erstreiten müssen. Siegen und Besiegen, Verdrängen und Zerschmettern sind das
Spektakel der materialistischen Weltanschauung. Ein spiritueller Mensch wird solchen sagen: Es
ist gut, was du sagst. Denn er weiß, egal was er ihm nun antwortet, er wird vom Anderen keine
Antwort oder Gleichstellung in der Kommunikation bekommen. Daher sagt der spirituelle Mensch:
Es ist gut, was du sagst.
Ein spiritueller Mensch wird seine Gefühle ordnen und lebt jeden Tag danach, am Abend mit einem
Lächeln einzuschlafen. Nicht immer gelingt ihm das, doch seine Ausrichtung danach ist ihm sehr
wichtig. Das bestimmt seinen Tag in der Art, dass er versucht, nur in schöne Momente oder gute
Stimmungen einzutauchen. Daher sind ihm liebevolle Menschen das Wichtigste. Er weiß, dass er
der Liebe folgen muss. Er kann das nicht erklären in dem Sinne, dass er sagt: Die Liebe ist die
stärkste Kraft. Sie ist es für ihn, das weiß er. Eher, weil er sich der Liebe anvertraut und weiß:
Solange sie in mir ist, ist immer alles gut, lebendig und gesund. Liebe ist die Heilpflanze der Natur,
die überall ist. Liebe ist Heilung und Gesundheit.
Er wird nicht mehr als Opfer oder Täter unterwegs sein, um zu brüllen oder zu jammern. Was der
heutige Tag bringt, wird er nicht organisieren. Er wird geschehen lassen und den Tag seinen Tag
sein lassen. Probleme aller Arten interessieren ihn nicht mehr sonderlich. Damit sind die weltlichen
Dinge gemeint, das Politische, die Tragik des Krieges oder das herbeisehnen des Friedens. Das
sind für ihn Projektionen, die zunächst im Inneren existieren. Gibt es Krieg in der Menschheit und
alle bekriegen sich, so liegt es daran, dass sie in ihren Inneren zerstritten sind und gegen sich
selbst Krieg führen. Gibt es Frieden, so weil die meisten in ihrem inneren Frieden besitzen und
diesen nach außen leben können. Wie innen so Außen, er weiß um dieses Gesetz im ganzen
Universum. Daher lebt er seinen Frieden und er speit ihn nicht aus, überredet andere nicht mehr
dazu oder setzt dafür ein Zeichen. Er weiß zu genau, dass ein äußerer Frieden die Lüge, ein
Bündnis gegen die anderen ist und viele Fahnen braucht. Doch der innere Frieden flüstert und ist
derart leise, dass man ihn nur erlangt, wenn man mit sich und der Welt, die einen umgibt, im
Reinen ist.
Der spirituelle Mensch ist kein Materialist, kein Anthropozentriker und auch kein Epizentriker, der
glaubt, er sei der Nabel und die Achse dieser Welt, die sich einzig um ihn herum dreht. Er ist
niemand, der die Natur alleine als eine Beute für seine Bedürfnisbefriedigung betrachtet. Im
Gegensatz zum materialistischen Weltbild stellt ein spiritueller Mensch sich selbst nicht in
irgendeinen Mittelpunkt oder nabelt sich von der Natur oder dem Weltlichen ab, um der
Selbsterhöhung willen. Er weiß, dass jeder ein Narr ist, wenn er glaubt, er könne auch nur einen
einzigen Sandkorn besiegen. Ein spiritueller Mensch schaukelt mit den Wellen im Wasser und mit
den Winden in der Luft.

Spirituelle Freiheit
Ein spiritueller Mensch trägt auch keine Masken mehr. Er ist wie er ist. Und so ist er immer. Er
nimmt sich selbst überhaupt nicht wichtig und glaubt auch nicht immer das, was er sagt oder denkt.
Ist er in der Öffentlichkeit bekannt, so wundert er sich des Öfteren darüber, dass das, was er sagt
oder veröffentlicht derart ernst genommen wird und bei manchen sogar zu Streit führen kann. So
sieht er sich nicht, als Jemanden, dessen Worte wie Gesetze gelten sollen.
Die Wandlung aller Dinge hat er erkannt, das Vergehen der Dinge verstanden und das Werden für
sich akzeptiert. Ein spiritueller Mensch weiß für sich: Nichts kann man beweisen für die anderen,
was außerhalb uns bindender Materie ist. Man sollte es auch nicht versuchen, denn selbst wenn
du es kannst, glauben die Menschen diesen Beweis nicht. Er ist zu nichts nutze. Stecken sie in
dem Weltbild, in dem das Experiment gültig ist, so werden sie alle sagen, dass es gut und richtig
ist. Stecken sie nicht in dem Weltbild, in dem das Experiment gültig ist, dann werden sie sagen was
für eine Illusion! Wenn er es weiß dann reicht es ihm, denn er weiß, dass es nur um ihn geht, nur
um sein Leben das er lebt, um seine Entwicklung, um sein Streben, sich geistig weiter zu formen
und weiter zu entwickeln. Er ist sein eigenes Experiment, seine eigene Theorie und sein ewig
andauernder Versuch, vorwärts zu gelangen. Von Jahr zu Jahr ist er ein anderes Experiment, ein
anderer Versuch und ein anderer Beweis für sich selbst. Ein Materialist kann mit so einer
Sichtweise gar nichts anfangen. Denn in der materiellen Welt gilt nur der hochgehaltene Beweis,
die Augenanzahl, die ihn anerkennen und der Profit, der sich daraus eventuell ergibt. Zwar sind die
Menschen alle miteinander verbunden, doch weiß er auch, dass diese Verbundenheit in der
materiellen Welt ohne Bedeutung ist. Die materielle Welt ist eine Welt, in der alles getrennt ist. Und
alles Trennende ist dort Objekt, das abgewogen wird nach seinen Nutzen. Alles ist dort entweder
Subjekt oder Objekt, also immer in Trennung. Alle behandeln sich gegenseitig als Objekte für ihre
eigenen Bedürfnisse.
In der feinstofflichen Welt ist diese Allverbundenheit, das All-eins-Sein genau spürbar. Es ist der
Nährböden des eigenen Geistes, anzuerkennen und zu fühlen, dass alles miteinander verbunden
ist. Was oft missverstanden wird, denn das heißt nicht, dass ein spiritueller Mensch, gleich dem zu
allem was ist, Zugang hat oder Zugang bekommt. Jeden Zugang muss man sich mit seinem
Bewusstseinswachstum erarbeiten. Je länger man dies tut, desto leichter und manchmal auch
schneller folgen die weiteren Schritte und damit die weiteren Zugänge. Spiritualität ist keine
Zauberei, für die sie oft herhalten muss. Ein spiritueller Mensch zu sein ist zu Beginn der Reise oft
auch harte Arbeit. Das Harte daran ist die pausenlos empfundene Prüfung, seiner und die der
anderen kognitiver Dissonanzen zu widerstehen. Es sind Zuckungen der eigenen materiellen
Konditionierungen.
Die gegen wir oder ich gegen dich, das sind für einen spirituellen Menschen Trauerspiele, in denen
Anhaftungen nicht geliebter Menschen verfangen sind. Diese Menschen brauchen Opfer und Täter
und sind in dieser Dynamik verfangen. Dort werden innere Energien nicht für Selbstwachstum und
Selbstentwicklung umgewandelt, sondern, Energieüberschüsse empfunden, die auf andere
Menschen, Ideale oder Gruppen übertragen werden. Diese, ebenfalls materielle Übertragung
erschafft alle möglichen Rechtfertigungen für wiederum alles Mögliche. Doch sie schreien nur eins:
Ich will beachtet werden. Ich will anerkannt werden. Ich will gesehen werden. Ich will geliebt sein.
Was der Grund für diese vielfältigen materiellen Übertragungen sind. Energie dient solchen nicht
der Verbindung, sondern der strickten Trennung und Individuation der eigenen geschützten Welt.
Was ich tue, ergibt nur Sinn, wenn ich etwas dafür bekomme. Das ist ihr privater Logos.
Freiheit ist für einen spirituellen Menschen die Freiheit für etwas, jedoch nicht die Freiheit von
Die Wandlung aller Dinge hat er erkannt, das Vergehen der Dinge verstanden und das Werden für
sich akzeptiert. Ein spiritueller Mensch weiß für sich: Nichts kann man beweisen für die anderen,
was außerhalb uns bindender Materie ist. Man sollte es auch nicht versuchen, denn selbst wenn
du es kannst, glauben die Menschen diesen Beweis nicht. Er ist zu nichts nutze. Stecken sie in
dem Weltbild, in dem das Experiment gültig ist, so werden sie alle sagen, dass es gut und richtig
ist. Stecken sie nicht in dem Weltbild, in dem das Experiment gültig ist, dann werden sie sagen was
für eine Illusion! Wenn er es weiß dann reicht es ihm, denn er weiß, dass es nur um ihn geht, nur
um sein Leben das er lebt, um seine Entwicklung, um sein Streben, sich geistig weiter zu formen
und weiter zu entwickeln. Er ist sein eigenes Experiment, seine eigene Theorie und sein ewig
andauernder Versuch, vorwärts zu gelangen. Von Jahr zu Jahr ist er ein anderes Experiment, ein
anderer Versuch und ein anderer Beweis für sich selbst. Ein Materialist kann mit so einer
Sichtweise gar nichts anfangen. Denn in der materiellen Welt gilt nur der hochgehaltene Beweis,
die Augenanzahl, die ihn anerkennen und der Profit, der sich daraus eventuell ergibt. Zwar sind die
Menschen alle miteinander verbunden, doch weiß er auch, dass diese Verbundenheit in der
materiellen Welt ohne Bedeutung ist. Die materielle Welt ist eine Welt, in der alles getrennt ist. Und
alles Trennende ist dort Objekt, das abgewogen wird nach seinen Nutzen. Alles ist dort entweder
Subjekt oder Objekt, also immer in Trennung. Alle behandeln sich gegenseitig als Objekte für ihre
eigenen Bedürfnisse.
In der feinstofflichen Welt ist diese Allverbundenheit, das All-eins-Sein genau spürbar. Es ist der
Nährböden des eigenen Geistes, anzuerkennen und zu fühlen, dass alles miteinander verbunden
ist. Was oft missverstanden wird, denn das heißt nicht, dass ein spiritueller Mensch, gleich dem zu
allem was ist, Zugang hat oder Zugang bekommt. Jeden Zugang muss man sich mit seinem
Bewusstseinswachstum erarbeiten. Je länger man dies tut, desto leichter und manchmal auch
schneller folgen die weiteren Schritte und damit die weiteren Zugänge. Spiritualität ist keine
Zauberei, für die sie oft herhalten muss. Ein spiritueller Mensch zu sein ist zu Beginn der Reise oft
auch harte Arbeit. Das Harte daran ist die pausenlos empfundene Prüfung, seiner und die der
anderen kognitiver Dissonanzen zu widerstehen. Es sind Zuckungen der eigenen materiellen
Konditionierungen.
Die gegen wir oder ich gegen dich, das sind für einen spirituellen Menschen Trauerspiele, in denen
Anhaftungen nicht geliebter Menschen verfangen sind. Diese Menschen brauchen Opfer und Täter
und sind in dieser Dynamik verfangen. Dort werden innere Energien nicht für Selbstwachstum und
Selbstentwicklung umgewandelt, sondern, Energieüberschüsse empfunden, die auf andere
Menschen, Ideale oder Gruppen übertragen werden. Diese, ebenfalls materielle Übertragung
erschafft alle möglichen Rechtfertigungen für wiederum alles Mögliche. Doch sie schreien nur eins:
Ich will beachtet werden. Ich will anerkannt werden. Ich will gesehen werden. Ich will geliebt sein.
Was der Grund für diese vielfältigen materiellen Übertragungen sind. Energie dient solchen nicht
der Verbindung, sondern der strickten Trennung und Individuation der eigenen geschützten Welt.
Was ich tue, ergibt nur Sinn, wenn ich etwas dafür bekomme. Das ist ihr privater Logos.
Freiheit ist für einen spirituellen Menschen die Freiheit für etwas, jedoch nicht die Freiheit von
etwas. Die Welt war schon immer frei, auch du bist immer frei. Je mehr wir unsere inneren Ketten
sprengen, desto freier werden wir. Frei zu sein ist ein Naturzustand der Seele und des Lebens
selbst. Wir alle sind frei geboren, ohne Ketten an Leib und Seele.
Wähle ich die Freiheit von etwas, meistens von der Fremdknechtschaft weg, hin zu einer
Selbstknechtschaft für materielle Werte, so dient diese Freiheit dem Ersatz von echter innerer
Freiheit. Echte innere Freiheit ist immer das Vergrößern von inneren Freiheitsräumen, die ich nur
bekomme, wenn ich in die innere Welt eintauche und sie vergrößere, in dem ich nach immer mehr
Verbindungen der Inneren, feinstofflichen Welt trachte.
Spirituelle Freiheit ist auch zu wissen und anzuerkennen, dass ich mit dem, wie ich gerade denke,
wie ich gerade spreche oder was ich gerade tue, dass ich genau das damit in die Welt hole. Das
gilt für gut oder nicht so gute Dinge. Es gilt für alles. Wenn viele Menschen das Gleiche denken,
dann holen sie es in die Welt, sie zementieren es und wundern sich, wenn alles doch so ist und
nicht verändert wird. Deswegen ist politische Aufklärung für einen spirituellen sehr wichtig. Aber da
er um die Manifestationen der Welt weiß, wird er schnell den besseren und liebevolleren Dingen
größeren Raum in seinem Geist widmen und geostrategische unendliche Wissensanhäufung nicht
mehr wollen. Weltpolitik ist und bleibt große Gaunerei.
Nur wenn die Menschen sich dieses Spiels von selbst enthalten, wird die Gaunerei aufhören. Das
aber können die Meisten nicht einmal im Ansatz verstehen, weil sie keinerlei Wissen und Gefühl
über ihren wahren und großen Spirit besitzen, ja nicht einmal an ihn glauben. Die Gauner haben
das alles schon ziemlich clever hinbekommen. Sie haben das Wir völlig vom Ich getrennt, in dem
sie das Ich mit einem unstillbaren Hunger ausgestattet haben.

Sei für, niemals gegen etwas
Ein spiritueller Mensch umgibt sich mit der Idee von dem, was er tun möchte, oder wo er in den
nächsten Monaten hin möchte. Er übergibt diese Idee oder das Tun dafür seinem Bewusstsein und
füllt sich mit diesem auf, sodass er automatisch zu dem hingezogen wird, was ihm sein Tun dafür
vorgibt. Und so lebt er im Sog und nicht im Hamsterrad für sein Tun und Schaffen. Er vertraut
darauf, dass sich die Dinge für ihn schon zu seinen Gunsten fügen werden, denn er hat schon
mehrfach erfahren, dass dies genau so geschieht, wenn er sein Verhalten und Bewusstsein mit
dem anfüllt, was dafür zu tun ist. Er konzentriert sein Bewusstsein auf das Anfüllen und Vitalisieren
dieser Idee und er sieht zu, dass er von dieser Idee dazu völlig eingehüllt bleibt. Wird er selbst
beständig darin, diese Idee selbst zu werden, so wird sie sich ohne weiteres Zutun von selbst
erfüllen. Dies geschieht ohne Anstrengung oder, wie der Materialist sagen würde, mit enormer
Fokussierung des Willens auf das Ziel. So macht es der Spiritualist nicht. Er braucht nicht den
Umweg, den Coach oder Trainer, um erfolgreich zu werden. Er wird zu dem, was er anstrebt, voll
und ganz. Und daher kommt das, was er anstrebt zu ihm. Er braucht nur abzuwarten und
Vertrauen auf die Geistwelt zu haben. Es wird geschehen. Und so geschieht es dann auch. Spürt
er, dass sich mehrfach Irritationen und Störgefühle dabei häufen, so lässt er davon ab und weiß,
dass sein Wollen in dieser Hinsicht nicht gut für ihn sein wird. Dass was er will, ist nicht für ihn
bestimmt. Er nennt dies nicht mein Weg. Ein spiritueller Mensch kann sich genau so irren, wie ein
nicht spiritueller Mensch. Dann überlegt er weiter nach Möglichkeiten, an der Welt zu wachsen,
und lässt geschehen.
Ganz ähnlich den Vorgaben im chinesischen Dao wirkt ein spiritueller Mensch oft durch einfaches
Geschehenlassen, dem Prinzip des Wu Wei. Durch Nichteingreifen in den Prozessen und
Vorgängen in der Natur der Dinge richtet sich sein Verhalten nicht gegen die Natur, sondern für
seinen Willen aus. Es ist verständlich, wenn nichtspirituelle Menschen das für Geschwurbel und
Geschwätz halten, denn in der materiellen Welt kann es so etwas gar nicht geben.
Das jeder Mensch das kann, das weiß er sehr wohl. Er weiß aber auch, dass die meisten
Menschen es nicht können, weil sie es zu können für Schwachsinn oder Humbug halten und sich
dem allem nicht aufgeschlossen gegenüber verhalten können. Die Gruppe, in der sie ihren
Konformismus leben, die gleichen Sendungen sehen und die gleichen Zeitschriften lesen, ist ihr
Gefängnis, dass sie in Wahrheit nur gegen sich selbst in Stellung bringen. Denn wer sein mühsam
zusammen gezimmertes Weltbild verlassen will, der kann das nicht einfach, ohne ein
Ersatzweltbild dafür zu besitzen. Es erzeugt das, was man allgemein hin als kognitive Dissonanz
bezeichnet. Ein unangenehmes Störgefühl innerhalb des halt bietenden eigenen Weltbildes. Das
ist das Problem so vieler Menschen, die einfach an etwas festhalten, weil die Angst sie im
Gehorsam zu ihren Weltbildern festzurrt. Menschen, die so sind, sind noch nicht zum freien
Denken fähig. Doch sagt man es ihnen, so wird das Zetern noch größer. Daher hat der spirituelle
Mensch prinzipiell damit aufgehört, das Freisetzen solchen Wissens anderen mitteilen zu müssen.
Es kommt zu ihnen von ganz alleine, wenn sie ihren Kanal dafür öffnen. Denn Gras wird ja auch
nicht länger, wenn man daran zu ziehen versucht.
Die goldene Regel dorthin zu kommen ist diese: Sei nicht gegen die Dinge, sei für ihre Alternative.
Wenn du dich darin übst, dann wird der Zugang zu dir kommen. Er öffnet sich in dir nicht, wenn du
für ihn kämpfst. Er öffnet sich nur dann, wenn du dich für ihn bereit gemacht hast. Du empfängst
ihn, du findest ihn aber nicht, wenn du suchst oder kämpfst. Jesus wusste dies, als er sagte: Euch
geschieht nach eurem Glauben. Heute würde man sagen, euch geschieht nach eurem Willen.
Bist du gegen etwas, dann konzentrierst du dich auf Kampf. Dann wirst du deine Energien gegen
den Feind veräußern. Bist du für eine Alternative, also beispielsweise nicht gegen Atomkraft,
sondern für Sonnenenergie, dann wirst du deine gesamten Energien für die Lösung ausrichten.
Gerade der Materialist ist stets vom Kampf überzeugt. Nur wenigen von ihnen gelingt es, sich für
Lösungen dauerhaft stark zu machen.
Der spirituelle Mensch unterscheidet zwischen seinem Herzen, dem er folgt und seinem Verstand,
den er als ein wunderbares Werkzeug nutzt. Er nutzt seine Herz-Verstand-Bewusstheit, um sich zu
entwickeln. Im Dao, der chinesischen Weisheitslehre, nennt man dies Hsing. Erleuchtung ist für ihn
eine übertriebene Suche nach etwas, dass er ganz natürlich findet. Wenn man weit genug fragt
und auch die Antworten dazu bekommt, kommt jeder Mensch dort an. Alles ist seinem Wesen nach
erleuchtet. Die Frage ist nur, ob man es auch erfassen und fühlen kann. Je häufiger er im Hier und
Jetzt lebt, desto einfacher wird er vom göttlichen Prinzip geführt, das seine Füße dorthin stellt, wo
er hinkommen möchte. Darin hat er keine Eile mehr, denn er weiß, dass er ankommen wird, wohin
er auch will. Es gibt keine Hindernisse mehr oder ein Abgehetztsein von Aufgaben.
Ein spiritueller Mensch weiß, wenn er stirbt, ist sein jetziges Dasein hier zu Ende. Und zwar nur
hier! Er wird wie alle anderen Menschen auch weiterleben und es wird weitere Übergänge und
Leben als materielles, dreidimensionales körperliches Wesen geben, in das sein Licht- bzw. sein
Geistwesen wie in einem Raumanzug weiterleben bis auch dieser Raumanzug wieder stirbt und er
ihn verlassen muss. Sein Wesen und das aller Menschen, ist aus feinstofflichem Licht, das pure
Energie und pure Information ist.
Wir erkennen einen spirituellen Menschen ganz sicher nicht an seiner hohen Bildung, seiner
Klugheit oder gar daran, wie sehr er sich im Trend von esoterischen Artikeln auskennt, Pyramiden
anbetet, sich mittels bestimmter Floskeln gut ausdrücken kann, seine Einrichtung möglichst nach
ostasiatischen Vorbildern zustellt und ausrichtet, viele Bücher gelesen hat oder nur noch Yogaoder
Buddhatee trinkt. Hohe Bildung, Hochbegabung oder erfolgreiches Bücherschreiben sind
keine Garantie für Spiritualität allein.
Ein spiritueller Mensch lebt die Dinge für sich. Er lebt sie weder um sich besser darstellen zu
können, noch, weil er sich in der Außendarstellung üben will. Die Außendarstellung, daran
erkennen wir alle den Materialisten. Er muss sich abgrenzen, darstellen, sich in einer Pose selbst
erhöhen.

Lebe dein Leben mit voller Hingabe
Oft erkennt man einen spirituellen Menschen gar nicht, da er sich nichts daraus macht. Er hat
jegliches konform sein mit irgendwelchen Gruppen oder Idealen abgelegt. Er hält sich weder für
einen Guru, einen Meister, noch für irgendwie höher, besser oder Weiser. Er lebt seine Spiritualität
mit und durch seinen Geist und kann die nicht materielle Welt zulassen und sich in ihr wohlfühlen.
Die materielle Welt, die die meisten Menschen zunächst gezwungen sind, anzuerkennen, um der
Vorstellung einer Elite zu dienen, ist für ihn nicht mehr seine Art, zu leben. Er kann diese Welt nicht
verändern, aber er kann sein Leben ändern und sein Ändern leben. Für ihn existieren mehrere
Welten, zu denen Menschen einen Zugang haben können. Die rationalen und stets auf ihre Logik
bedachten Wissensmenschen, die nur ihre Wahrheiten zulassen können, werten oft den
spirituellen Menschen ab. Und da ein Gefühl und das Fühlen von anderen Wirkmächten und
Wirklichkeiten nicht verifizierbar sind, noch nicht, gelten spirituelle Menschen für die im
Materialismus aufgehenden Menschen als Spinner, Wichtigtuer, Scharlatane oder als
verschwurbelte Esoteriker, die lieber den Kopf in den Sand stecken, als sich den politisch
konstruierten Problemen zu stellen. Das interessiert jedoch einen spirituellen Menschen nicht
mehr. Auch er dachte einmal, dass alle politischen Probleme aus dem Nichts heraus die Politiker
und die Menschen ereilen. Oder das irgendein Bösewicht den guten Menschen wegbomben will.
So hält man die materiell verbildeten Menschen in ihren Denkgefängnissen, in ihren psychischen
Fallen, die sie nie erkennen oder gar für möglich halten. Das Versuchslabor Menschheit ist von
einer Gefängnismauer umgeben, die der Materialismus ist. Und da aus ihm zahlreiche weitere
Theorien, Ideale und Ideen entstammen, merken selbst die Gegner politisch Hochintelektueller
nichts von seinem zerstörerischen Kern.
Der Materialismus ist der Verhaltensfaschismus. Er macht den Faschismus erst im Verhalten
möglich. Der Finanzkapitalfaschismus baut die Struktur des politischen Faschismus, auch
Korporatismus genannt, auf, der wie ein riesenhaftes außenpolitisch konstruiertes Dach alle
umspannt und niemanden entkommen lässt. Der Ausweg aus dieser Falle ist nicht irgendeine
bessere Politik. Der Ausweg bist du selbst: Mach einfach nicht mehr mit. Mach einfach nichts
Politisches mehr. Denn das ist die Falle. Was sie fürchten, das sollst du tun. Und sie fürchten
nichts mehr als eine Masse Mensch, die nicht mehr mitmacht und die endlich das tut, was sie in
ihrem tiefsten Herzen alle tun wollen. Wir alle wollen unser eigenes Leben leben. Genau das sagen
die meisten Menschen in ihren letzten Tagen, liegend, in ihrem Totenbett, das ich mein Leben
hätte leben sollen. Ein spiritueller Mensch beginnt damit so früh wie möglich und so intensiv, wie er
kann.
Der materielle Schöpfer muss alles bezwingen, niederringen, bekämpfen oder tottrampeln, um sich
selbst anzuerkennen. Im Größerwerden zur Welt liegt sein Wahn. Er muss die Welt bezwingen, sie
sich untertan machen, um ihr zu zeigen, dass die Natur nach seiner Pfeife tanzt und dass er genau
diese alles bezwingen wollende Macht besitzt. Macht aber braucht nur der, der sich selbst
gegenüber der Welt und seinem eigenen Leben ohnmächtig verhält. Wer sich selbst besitzt und
seinen Wert selbst bestimmt, der ist frei und braucht keine Macht über niemanden. Er wird nie
jemals herrschen wollen und er wird seinen Rücken nie beugen. Er lebt jeden Tag sein eigenes
Leben.

Der Ausweg aus der Falle
Die Verhöhnung der eigenen Verbindung zur Geistwelt ist das Ergebnis der Angst vor dem Verlust
bestimmter elitärer Kräfte, weltweit, die nichts mehr fürchten als den daraus erwachten,
emanzipierten, mündigen und sich selbst bestimmenden Menschen, der sich nicht mehr für ihre
Zwecke zur Verfügung stellt. Um ihn nicht machtvoll und attraktiv erscheinen zu lassen haben sie
alles Mögliche unternommen, um unsere Gehirne in Besitz zu nehmen. Sie wollen auch weiterhin
die Zwangsjacke um unsere Gehirne spannen und sind darin recht einfallsreich. Ihre Gegenspieler
sind nicht in der Politik zu finden. Denn Politiker, egal welcher noch so humanen Idee, wollen nur
eins, Politik machen. Sie wollen uns alle beherrschen und uns sagen, wie wir zu leben haben, wie
wir uns zu bilden haben, was wir essen sollen, wie viel Geld oder Lohn wir zu bekommen haben,
welche Krankheiten gesund gemacht werden können, wie sich unsere Kinder entwickeln, mit was
wir unsere Freizeit zu gestalten haben, an was und zu welchem Zweck die Wissenschaften zu
forschen haben und auf welchen Feind wir unsere Bomben niederregnen lassen sollen. Das alles
wird nicht etwa von Politikern erdacht, gewollt und erhalten, sondern von Mächten hinter dem
Thron bestimmt. Politiker sind die Peitschen, mit denen sie uns in ihre Tröge lenken. Das machen
sie heute so gut, dass die Masse das für das goldene Zeitalter hält. Sie wählen die Verursacher
noch in der hundertsten Generation und geifern sich gegenseitig an, nur um ein besserer Sklave zu
werden. Denn das wollen sie mehr sein, als in Freiheit, in Frieden und im Einklang mit der
Schöpfung zu leben, ein Sklavenaufseher. Das alles hat seine Ursachen einzig im Weltbild des
Materialismus.
Aus ihm heraus kommt man nicht mit Symptomarbeit. Aus ihm heraus kommen wir alle nur mittels
eines anderen Bewusstseins, dass andere Weltbilder zulässt. Es wird Zeit für diesen
Bewusstseinswandel, denn Änderungen in der Politik sind Bestandserhaltungsmaßnahmen mit
anderen Peitschen. Die Politik, egal welche, ist bestimmt, eine Gesellschaft zu beherrschen.
Frieden, Freiheit und die Liebe sind aber nicht beherrschbar noch werden sie besser, wenn man
über sie herrscht. Das gilt es, sich bewusst zu machen: Freiheit herrscht nicht, Frieden herrscht
nicht und die Liebe herrscht auch nicht. Alle drei werden aber beherrscht. Davon müssen wir uns
alle befreien. Jeder auf seine Weise. Nicht mehr mitmachen und sich für sich selbst, für das eigene
Leben zu entscheiden, ist der Wandel in unserem Bewusstsein, den wir brauchen, um uns nicht
gegenseitig weiter abzuschlachten. Und je mehr und je länger sich immer mehr auf den Weg
machen, desto schneller werden alle Ketten gesprengt.
Mach nicht mehr mit. Finde den Ozean, von dem du nicht bloß ein Tropfen bist, sondern ein
Tümpel, der See werden will, der dann ein Bach, ein Fluss, ein Strom wird und der sich ins Meer
leiten lässt von den Kräften, die nichts weiter tun als dich, als uns alle zu schützen. Spüre all die
Kräfte auf, die dich tragen und lass dich nicht von anderen darin beirren. Du bist der ganze Ozean,
die ganze Quelle. Du bist dir dessen nur nicht mehr bewusst. In dieser Quelle lebt das, was wir alle
suchen, die Freiheit in Frieden mit uns selbst leben zu können, damit wir der Liebe begegnen, die
auf uns wartet. Mach den nächsten Schritt hin zu einem neuen Bewusstsein. Lebe dein eigenes
Leben.
Also, Freund, wir sehen uns im Ozean. Ich freu mich drauf.
+++
Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.
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Bildquelle: CoralAntlerCreative/shutterstock
+++

Eile und Hektik halten Einzug in die Schule – und mit ihnen der Effizienz-imperativ. Doch Lernen lässt sich nicht beschleunigen. Schule braucht Zeit. Eine Erinnerung an ihren Ursprung.
Die Schule hat einen wunderschönen Namen. Er stammt aus dem Altgriechischen. Aristoteles‘ geschliffener Begriff müsste Programm sein: scholé, was so viel wie Musse heisst. [1] Die Schule, die scholé, wäre jener Ort, an dem sie noch möglich sein müsste, eine gewisse Musse. Ein Ort, an dem man füreinander Zeit hat und einander zuhört, zueinander findet und sich aneinander reibt, miteinander lernt und gemeinsam zu Neuem unterwegs ist. Das ist der tiefe Sinn von Schule. Bildung basiert auf scholé. Lernen kann man nicht beschleunigen. Lernen kennt keine Autobahnen, keine Schnellstrassen und keine abgekürzten Routen oder gar Überholspuren. Da gelten Feldwege und da gehören Bergpfade dazu. Manchmal auch Unterholz und Dickicht. Und natürlich Umwege. Darum braucht Lernen Zeit. Eben: scholé!
Intensives Wiederholen gegen das Vergessen
Was prägen und bleiben soll, muss zum Erlebnis werden. Was trainiert und automatisiert sein will, muss erarbeitet werden. Das weiss jede Sportlerin, das ist jedem Musiker bewusst. Für beides ist Ver-Weilen nötig. Doch Weile braucht Zeit. Aus der Lernpsychologie wissen wir, dass der Mensch um die sechs bis acht Wiederholungen braucht, um eine Information vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis zu bringen. Ohne Wiederholungen nimmt das Vergessen seinen unerbittlichen Lauf. Der Moment des Vergessens beginnt im Moment des Merkens. [2]
In der beschleunigten Bildungspraxis gehen solche Einsichten allzu schnell
vergessen; dabei wären sie aufgrund zahlreicher psychologischer Studien erwiesen.
Für alles zu wenig Zeit!
„Ich hetze und hechle von einem Inhalt zum andern und komme mit meinen Schülern
kaum zum Vertiefen, zum Üben schon gar nicht“, klagte mir ein Junglehrer. Er ist
nicht allein. Wer in Lehrerzimmer und Schulen hineinzoomt, hört immer wieder
ähnliche Stossseufzer: kaum Rast, stets die Last der Hast, Dauerdruck und Zeitzwang.
Zur Resonanz, zum Nacherleben, Nachdenken, Nach-Gespräch bleibe im
Nonstop-Programm des Lehrplans kaum mehr Raum. Selbst zum Erzählen einer
guten Geschichte fehle das Gefäss. Zu vieles müsse in zu wenig Zeit durchgenommen
sein. Die Phasen des Repetierens und Automatisierens kämen zu kurz.
Manches bleibe darum an der Oberfläche.
Ein dichtes Pensum und gedrängtes Programm stehen dem Erkennen und
Verstehen der Kinder im Weg. Sie verhindern gar gutes Lernen.
Pausen in der Pausenlosigkeit
Auch der liebliche Ausdruck ‚Pause‘ geht etymologisch auf einen altgriechischen
Begriff zurück: paūsis. Das Wort blieb erhalten, weil es etwas menschlich
Elementares bezeichnet: Rast, Ruhe, Stillstand. Das „Innehalten“ ermöglicht ein
Voraus- und ein Nachdenken. Beides, das Prometheische wie das Epimetheische, ist
unabdingbares Element echter Kultur und Bildung. Dazu braucht es aber Zeit und
Musse für Er-innerung, Ver-innerlichung, Wahr-nehmung.
Das Pausenlose gefährdet dieses Anhalten und Reflektieren: Innehalten als
inspirative Zone des Verweilens, als kreativer Raum des Nachdenkens und
Begrifflich-Werdens des Gedachten. Es ist ein verweilendes Denken, dem keine App
zu Hilfe eilt.
Der Zeitgeist heisst Rasanz
Der Zeitindex ändert sich. Heute muss alles schnell gehen. Für alles haben wir zu
wenig Zeit. Im Kleinen und im Grossen. Wir alle erfahren unsere Epoche als
dynamisches Gebilde. Tempo und Rasanz sind ihre Merkmale. Das bringt uns in
Atemnot, auch in den Schulen. „Le temps mange la vie“, hat der französische Dichter
Charles Baudelaire in einem Gedicht geschrieben. Ein lapidarer Satz. Die Zeit zehrt
das Leben auf.
Von „Zeitfressern“ erzählt auch Momo, die struppige kleine Heldin im poetischen
Märchen-Roman von Michael Ende. Die Grauen Herren von der Zeitsparkasse
rauben den Menschen die Zeit – bis auf Momo. Sie hat und nimmt sich Zeit. „Denn
Zeit ist Leben.“ [3] So heisst es in Endes Kindergeschichte für Erwachsene. Auf die
Schule übertragen: Lernen ist nur dort möglich, wo Leben ist und Zeit.
Mut zum Gegenhalten
Die Schule darf sich darum die Zeit und Musse nicht stehlen lassen; sie darf nicht zur
a-scholia verkommen. Schule und Unterricht hatten schon immer den Auftrag, auch
gegenläufig zu wirken und gegenhalte Kräfte zu aktivieren. Vielleicht passt dazu der
Gedanke des vergessenen Schriftstellers Jean Paul. In seinem Erziehungsbuch
plädiert er dafür, die Kinder gegen den Zeitgeist zu erziehen. Warum? Der Zeitgeist,
so argumentiert er, würde selbst schon genug Wirkung entfalten. Schule wie Elternhaus
müssten für die kompensatorische Balance sorgen. Und für Balance sorgen
heisst heute: die scholé stärken – gegen den Turbo-Zeitgeist.
Die Hektik müsse darum zu den Schulen raus, fordert der renommierte Neurowissenschaftler
Gerhard Roth seit Langem. [4] Bildung lässt sich nicht in der in der
Hast raschen Durchnehmens erwerben. Sie braucht scholé. Bildung ist zwar eine
schöne Sache, doch der Weg dorthin ist anstrengend und alles andere als Fast
Food. Die Schule ist kein Take-away für Bildung, wo sich alle anmelden und alle den
ersehnten Abschluss wie eine Billigpizza erhalten. Es ist das simple Geheimnis aller
Bildung: dass sie Engagement und Einsatz erfordert. Bildung ist nicht ein Zustand,
auch kein Input-Output-Verfahren, sondern persönlicher Prozess und individuelle
Entwicklung eines Menschen – und der Würde der menschlichen Existenz. Das
dauert seine Zeit.
Die Philosophen fragen
Die Philosophen haben die Schule den Pädagogen überlassen, schreibt der Jurist
Bernhard Schlink in seinem Roman „Der Vorleser“. Auch das ist vorbei. Ein Blick auf
die aktuelle Entwicklung macht es deutlich: Heute liegt die Schule in den Händen von
Empirikern und Ökonomen. Da kann es nicht schaden, einen Philosophen nach dem
Wesentlichen und Eigentlichen der Bildung zu fragen.
Schulen brauchen Zeit fürs Vertiefen
Im Rahmen seines St. Galler Vortrags mit dem Titel: „Überleben die humanistischen
Bildungsideale die digitale Wende?“ meinte der Philosoph und Physiker Julian Nida-
Rümelin: „Wichtiger denn je ist das zentrale humanistische Bildungsideal, das sich in
zwei Begriffe fassen lässt: Es geht um Persönlichkeitsbildung und Urteilskraft. Junge
Menschen müssen in die Lage versetzt werden, sich selbst ein verlässliches Urteil zu
bilden. Angesichts eines immensen Angebots an Informationen, Meinungen und
Ideologien müssen Schüler und Studenten unterscheiden lernen. Sie müssen Zeit
haben, Argumente abzuwägen. Das ist es letztlich, was die Schule vor allem braucht:
Zeit, um zu vertiefen.“ [5]
Momo bringt den Menschen die gestohlene Zeit zurück. Eine zeitlose Botschaft –
auch für die Schulen. Scholé braucht Zeit.


[1] Vgl. dazu Klaus Bartels, Mehr Mut zur Musse. Kleine Kulturgeschichte der Liebe
zum Beruf. Zürich: Bank J. Vontobel o.J., S. 11.
[2] Klaus Zierer, Die Grammatik des Lernens. Was bei der Digitalisierung im
Bildungsbereich nicht vergessen werden darf, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
FAZ, 04.10.2018, S. 7.
[3] Michael Ende (1974), Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben
und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. 5. Aufl.;
Stuttgart: K. Thienemanns Verlag. S. 57.
[4] Vgl. Gerhard Roth (2011), Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt.
Stuttgart: Klett-Cotta.
[5] Julian Nida-Rümelin, Silicons Valleys aufgeblähte Utopie, in: Luzerner Zeitung,
26.09.2018, S. 15. 

Erziehungskunst | Ist das menschliche Gehirn auf die Digitalisierung vorbereitet?
Getraud Teuchert-Noodt | Ja, spätestens seit drei Jahrtausenden, nämlich seit die Phönizier das bis heute gültige Alphabet erfunden haben. Damit konnte – allerdings erst seit drei Jahrhunderten – die Beschulung des Kindes durch Schreiben, Lesen und Rechnen zum kulturtechnischen Erfolgsschlager werden. Die in einem definierten Zeitfenster reifenden sensomotorischen Felder des kindlichen Gehirns werden optimal angelegt. Erst die voll ausgereiften primären und sekundären Nervennetze in diesen Feldern des Kortex – der Hirnrinde – erlauben es dem Erwachsenen, in abstrakten Denkmustern kreativ tätig zu werden, eben auch mit digitalen Medien sinnvoll umzugehen und vielleicht selber auch Programme und Algorithmen zu schreiben. 
Es ist ein Trugschluss, davon auszugehen, das moderne Kind könne den Umgang mit digitalen Medien – auf Grund des minimalen technischen Aufwandes – unmittelbar von den Erwachsenen übernehmen. Auf einen sinnvollen inhaltlichen Umgang mit diesen Medien wird sich nach Erkenntnisstand der Hirnforschung das kindliche Gehirn auch in den nächsten tausend Jahren nicht vorbereiten lassen! Denn damit der Mensch denken lernt, müssen Nervennetze erster und zweiter Ordnung in der kindlichen Hirnrinde über eine lange Zeit von innen gesteuert reifen. Digitale Medien beschleunigen die Reifung der Hirnrinde so stark, dass man von einer Notreifung sprechen kann, die irreversibel süchtig macht.
Wenn wir den Karren so weiter laufen lassen, wird das eine ganze Generation von Kindern in die Steinzeit zurückwerfen. Erstmals in der Menschheitsgeschichte wird uns die für Denkprozesse absolut notwendige neuronale Grundlage streitig gemacht. 

EK | Gibt es Wege, mit der Digitalisierung vernünftig umzugehen?
GTN | Vernünftig mit digitalen Medien umgehen, verlangt dem Erwachsenen ab, einen bewussten Umgang mit möglichst wenig Medieneinsatz im privaten Leben und Totalverzicht auf Medien in digital befriedeten Freizeiten zu pflegen. Auf Kinder und Jugendliche bezogen bedeutet »vernünftig mit digitalen Medien umgehen« allerdings noch eine größere Herausforderung. Am vernünftigsten ist es, wenn Eltern ihre Kinder dazu bringen können, ganz und gar auf jegliche Elektronik zu verzichten und wenn digitale Medien aus Kitas und Grundschulen vollkommen verschwinden. 
Zwei Gründe sind zu nennen: Gehirne von Kindern benötigen die körperlichen Bewegungen, um Erfahrungen in Raum und Zeit im Gehirn zu verankern. Das wird über das sehr früh reifende Gleichgewichtsorgan (Vestibularissystem) sowie die Muskel- und Sehnenspindeln des Bewegungsapparates vermittelt. Dabei werden die über unsere Lebenswelt gegebenen drei Raumebenen im Kleinhirn auf drei zugehörige Schaltebenen programmiert. Laufen, Klettern, Purzeln und Balancieren sind und bleiben die initialen Stimulanzien, ohne die sich Verschaltungen im Kleinhirn gar nicht normal ausbilden können. Je mehr sich Kinder bewegen, desto besser reift ihr Gehirn. Denn diese frühkindlichen Erfahrungen schlagen sich linear auch im Grad der Differenzierung von höheren nachgeschalteten motorischen Schaltkreisen nieder. Zusätzlich knüpfen Malen, Kneten und Basteln Netze in sensomotorischen Assoziationsfeldern des Kortex und präzisieren Verschaltungen. Auch das umtriebige Spielverhalten des Kindes gehört zur kognitiv-emotionalen Reifung und stimuliert komplexe Operationen wie Aufmerksamkeit, Urteilsfähigkeit und Sozialverhalten. 
Wenn Künstliche-Intelligenz-Forscher meinen, all diese lebensnotwendigen Funktionen mit dem Geschenk eines Smartphones dem Kind in die Wiege legen zu können, dann schaffen sie sich mittelfristig gesehen selber ab.
Tückische Gefahren lauern zusätzlich für das Gehirn des Kindes auf der Ebene des limbischen Systems, das Emotionen und Triebe steuert. Stichwort Suchtgefahr: Landläufig geht man davon aus, dass die digitale Sucht als nicht-stoffliche Abhängigkeit etwas Anderes und vielleicht Harmloseres sei als Drogensucht. Das ist ein Irrtum! Beide Male werden an gleicher Stelle des limbischen Systems hirneigene Opiate im Übermaß ausgeschüttet, die einen sich selbst verstärkenden geschlossenen Schaltkreis – ein »Belohnungssystem« – physiologisch stabilisieren. Dadurch wird ein geradezu teuflischer Automatismus in Gang gesetzt. Für Kinder besteht keine Möglichkeit zur Selbstkontrolle, sie werden zu hilflosen Gefangenen ihrer selbst. Erst ab der Adoleszenz kann das fortschreitend reifende Stirnhirn mit dem limbischen Schaltkreis annähernd kontrolliert kooperieren und sinnbezogen mit Medien umgehen. 

EK | Wie entsteht das menschliche Gehirn und was ist für die Reifung entscheidend?
GTN | Biologisch betrachtet, ist die ökologische Nische des Homo sapiens einer neu entstandenen hirneigenen Konstruktion zu verdanken, dem Stirnhirn. Es versetzt den Menschen in die allen anderen Lebewesen überlegene Lage, eine neue, bis dahin nicht vorhanden gewesene Welt in Raum und Zeit schöpferisch zu schaffen und sich in ihr einzurichten, Kulturen hervorzubringen und zu tradieren. An dieser raum-zeitlichen ökologischen Nische hing und hängt die Existenz des Menschen. Digitale Medien sind ein heimtückischer Anschlag auf unsere Lebensansprüche. Deswegen muss jedes Menschenkind sein Stirnhirn entwickeln und stärken, um eigene Lebensstrategien entfalten und den täglichen Anforderungen neu anpassen zu können.
Eine digitale Beschulung von Kindern wird nicht ohne Verlust der kognitiven Funktionsreifung vonstatten gehen. Die werdenden Funktionsleistungen des kindlichen Stirnhirns leiten sich nicht unmittelbar von einem genetischen Programm ab. Sie müssen ab der Geburt in die verfügbaren Nervennetze neu einstrukturiert werden. Dafür steht die für die menschliche Spezies einmalig lange Kindheits- und Jugendphase bereit. Man führe sich vor Augen, was es bedeutet, wenn Kinder und Jugendliche digital fremdgesteuert sind und mit wenig Empathie, ohne gesellschaftsbezogenes und historisches Bewusstsein aufwachsen. Wenn sie nicht Merkfähigkeit, Zahlen- und Gedankentraining einüben, sondern mit digitalen Hilfswerkzeugen umgehen und Clouds bespeichern, anstatt die Rindenfelder ihres Gehirns reichhaltig mit Erfahrungen anzufüllen. 
Dem digital angeleinten Schulkind werden die Chancen genommen, den notwendigen Prozess der geistigen und emotionalen Abnabelung von der Mutter zu vollziehen und Selbstständigkeit zu entwickeln. Das wird zu psychischer Destabilisierung, innerem Freiheitsverlust, Ängsten und Aggressivität führen.
Überlässt man einem »virtuellen Assistenten« die mentalen Anstrengungen, verkümmern viele hirneigene Fähigkeiten, wie antizipatorische Leistungen im Berufsleben, Lust, Interesse und Phantasie. Digitale Medien überschleunigen automatisch die hirnphysiologischen Vorgänge, behindern die neuronale Sequenzbildung und die neurochemische Kommunikation zwischen den Zellgruppen, die der Übertragung von Erregungsmustern auf entfernt gelegene Nervennetze dienen. Kognitive Impotenz will sich doch keiner so gern auf die Stirn schreiben lassen. Dennoch bewegt sich die KI-Forschung Schritt für Schritt darauf zu, das Gehirn in digitalisierten Gesellschaften physiologisch einer nicht-invasiven Lobotomie auszusetzen und den Menschen – freiwillig (!) – zu entmündigen. 

EK | Warum ist es so wichtig, dass Smartphones von Kleinkindern ferngehalten werden?
GTN | Benutzen Kleinkinder bereits Smartphones, Tablets oder ähnliche Geräte werden sie automatisch in eine Abhängigkeit hineingezogen. Das geschieht, ohne dass die Kinder es merken und schwächt das Belohnungssystem fürs Sprechen-, Schreiben- und Lesenlernen. Das Erlernen dieser Fähigkeiten kann in der späteren Entwicklung nur schwer nachgeholt werden, denn das Entwicklungsfenster ist geschlossen. Das Kleinkind ist von einem intrinsischen Dauerstress befallen.
Zwei Aspekte sind zusätzlich zu beachten: 1. Es ist kaum möglich, den Medienkonsum des Kindes längerfristig auf eine halbe Stunde pro Tag zu beschränken. Man weiß doch, dass ein tägliches kleinstes Alkoholgläschen ausreicht, um ein Kind zum Alkoholiker zu machen. 2. Das ganz und gar auf Nachahmung angelegte Gehirn des Kleinkindes ist insbesondere dann hochgradig gefährdet, wenn es bei den Eltern den ständigen Gebrauch digitaler Medien beobachtet. Eltern können nur dann wieder zum Vorbild werden und die Suchtgefahr ihres Kindes abwenden, wenn sie selber im Privatleben möglichst auf Smartphone und Co verzichten. 

EK | Bewegung, Spazierengehen – ohne Smartphone – ist wichtig, um Ideen zu generieren. Was passiert da im Gehirn?
GTN | Das Gehirn ist lebenslang auf motorische Aktivitäten programmiert, die gemeinsam mit Sinneswahrnehmungen und dem Bewegungsapparat eingespeist werden. Beim Schreibtischsitzen verlagern sich die hirneigenen Aktivitäten ganz und gar auf höchste Assoziationsfelder. Der Mensch kann sich gut konzentrieren und gut denken. Die Kapazitäten der dafür notwendigen und über Transmitter gesteuerten Prozesse sind allerdings limitiert, Erholungsphasen sind erforderlich, Bewegungen wie Spazierengehen haben einen besonders positiven Effekt. Denn langsame rhythmische Körperbewegungen und beiläufige unterschwellige Sinneseindrücke stimulieren das ganze Gehirn und ordnen die neuronalen Aktivitäten im Hintergrund neu. Speziell die rhythmisch langsamen Schwingungen des Schrittes unterstützen diese ganzheitliche Hirnstimulation in hohem Maß.

EK | Ist es besser, Texte auf Papier zu lesen, als auf dem Bildschirm?
GTN | Zum vertieften Lesen eines Textes sind nicht nur die für das Lesen zuständigen sensomotorischen Assoziationsfelder im parietalen und occipitalen Kortex gefragt. Aber auf diese fokussiert sich das Auge insbesondere beim Lesen am Bildschirm. Damit bedient es sich vorrangig einer rein seriellen Erregungsübertragung im Kortex, also eines »maschinellen« Lesens mit eingeschränktem geistigen Blickfeld. Der Text wird schnell und flüchtig abgelesen, Seite für Seite wird am Tablet »fortgewischt«. Aber, gleichzeitig geht es beim Textlesen auch darum – und das leistet der Text auf Papier – formale und inhaltliche Bewertungsarbeit zu leisten. Das Multitasking ist quasi eine Systemeigenschaft des Gehirns, was ihm beim Lesen des Textes auf Papier leichter zugänglich wird. 
Denn neben den seriellen werden zusätzlich parallele Schaltkreise einbezogen und kurze Teilaspekte werden unterschwellig redundant gelesen. Das fördert den vertieften Umgang mit dem Inhalt. Zusätzlich kommt das sogenannte Arbeitsgedächtnis im Stirnhirn zum Zuge, um wenige Sekunden dauernde bewusste Anwesenheiten zuzulassen und assoziative Aktivitäten über beide Hemisphären – und damit auch über das ganze Papier – streifen zu lassen. Das Auge kann großflächig und großzügig im Text auf Papier verharren. Das ist wichtig, denn die Sehrinde ist darauf angewiesen, mit den für die Konzentration und das Gedächtnis zuständigen Subsystemen des Gehirns räumlich und zeitlich zusammenzuarbeiten. 
Räumlich bezieht sich auf die vertikal-horizontale Ordnung von Funktionsmodulen in den hierarchisch gegliederten Rindenfeldern, die sich beim Lesenlernen entsprechend anlegen und neu anpassen. 
Zeitlich bezieht sich auf eine aktuelle Sequenzbildung mit eingebauten Verzögerungssequenzen, durch die im Millisekundenbereich Netzbildung und Gedankentätigkeit möglich werden. Durch das Scrollen wird dieses raum-zeitliche Gefüge gar nicht erst angesprochen, auch das E-Paper und E-Book haben lediglich den Wert der Schnellinformation aber nicht der neuronalen Integration von Inhalten.   

EK | Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus?
GTN | Ein Dilemma müsste es nicht geben, käme der Mensch seiner Bestimmung und Fähigkeit nach, dem Verstand, der Vernunft und der Verantwortung höchste Priorität einzuräumen, und sich nicht von den digitalen Medien benutzen zu lassen. Er sollte sie vielmehr als Handwerkszeug nutzen. Das wäre ein knappes Fazit, das den jüngsten Erkenntnissen der Hirn- und Evolutionsforschung entstammt. 
Der akuten Sachlage wird es aber nur unvollkommen gerecht, angesichts der Schere, die sich zwischen digitaler Welt und menschlichem Gehirn auftut, konkret zwischen wirtschaftlichem Profitdenken und menschlicher Vernunft, zwischen informierter Minderheit und uninformierter Mehrheit in unserer Gesellschaft.
Ein konkreter Vorschlag wäre, den digitalen Führerschein einzuführen: Kinder bis zum 12. Lebensjahr sollten – ebenso wie vom Steuer am Auto – von digitalen Medien vollkommen ferngehalten werden. Das alternative Angebot wie Wandern, Spielen und Sport muss ausgebaut werden. Ab dem 12. Lebensjahr könnte an Schulen ein erster, dann ab dem 16. Lebensjahr ein aufbauender Führerschein eingeführt werden. 
Für Eltern von Kleinkindern sollte gelten, dass sie selber im Privatleben möglichst auch auf digitale Medien verzichten und ebenso andere Stressfaktoren klein halten; das würde sie von viel Ärger und Sorgen entbinden, die Schulleistungen verbessern und der Chance Raum geben, dass eine medienmündige neue Generation heranwachsen kann. 

Das Gespräch führte Johanna Wenninger-Muhr, www.visionsblog.info   

Literatur: G. Teuchert-Noodt: »Risiken einer neuroplastischen Anpassung der Wahrnehmung von Raum und von Zeit im Kontext der Medienwirksamkeit«. In: J. Weinzirl, P. Lutzka, P. Heusser (Hrsg.): Bedeutung und Gefährdung der Sinne im digitalen Zeitalter. Wittener Kolloquium für Humanismus, Medizin und Philosophie (5), Würzburg 2017 

G. Teuchert-Noodt/M. Brainy: »Lernen in kleinen und großen Schaltkreisen«. In: H. Reiter (Hrsg.): Hirngerechtes Lehren und Lernen – Wie Trainer, Coaches und Berater von den Neurowissenschaften profitieren können. Handbuch Hirnforschung und Weiterbildung, Weinheim 2017 

G. Teuchert-Noodt: »Zu Risiken und Chancen fragen Sie das Gehirn«. In: G. Lembke/I. Leipner: Die Lüge der digitalen Bildung, München 2018 

G. Teuchert-Noodt/I. Leipner: Ein Bauherr beginnt auch nicht mit dem Dach. Die digitale Revolution verbaut unseren Kindern die Zukunft, umwelt-medizin-gesellschaft, Heft 4/201

aus: https://www.erziehungskunst.de/artikel/digitalisierung/das-wird-eine-ganze-generation-in-die-steinzeit-zurueckwerfen,  April 2019: 

Alle Kinder kennen sie, alle Kinder lieben sie, die Kindergestalten in den Büchern von Astrid Lindgren. 

Warum? Sie sind frei, mutig, eigenwillig, impulsiv, verwegen, emotional, egoistisch, frech, liebevoll, eigenständig und sie SPIELEN!!!… eigentlich sind sie doch so, wie alle Kinder tief in ihrem Herzen sein wollen. Die Kinder (und Erwachsenen) können sich mit den Büchern von Astrid Lindgren in eine Kinderwelt hineinträumen. Schön und gut. 

Aber, wäre es nicht an der Zeit die revolutionäre Kraft dieser Kinderbuchautorin heute nach 75 Jahren Pippi Langstrumpf freizulegen und zu sagen: Alle Kinder haben eigentlich ein Recht so zu sein, wie die Kindergestalten in Astrid Lindgrens Kinderbüchern, denn letztendlich und bei genauem Hinsehen erkennt man doch, dass die Kinder bei Astrid Lindgren vor allem eines dürfen: Kind Sein. 

Nehmen wir die Jubilarin Pippi Langstrumpf. Sie wurde ja dringend gebeten in die Schule zu kommen – weil die Erwachsenen meinten, ohne Schule geht es nicht… Nun Pippi hat das tapfer versucht, hat aber dann festgestellt, dass sie nicht wirklich in die Schule passt. Die Lehrer haben das wohl auch festgestellt und dabei ist es dann geblieben. 

Immer mehr Kinder stellen heute fest, dass sie und die Schule nicht zusammenpassen. Sie werden krank daran, verweigern sich, ziehen sich zurück oder passen sich an. Wird man so stark, mutig, eigenwillig, ….? Und wenn sie trotz der Schule eigenwillig für das Klima eintreten und die Schule streiken, so machen die Schulen und Behörden merkwürdige Verrenkungen, ja, das ist ja schön und gut sich für das Klima einzusetzen, aber Schule schwänzen…? 

An dieser Stelle sei die Frage erlaubt: Was wollen wir für Kinder, was für Jugendliche und was für Erwachsene? Ist unser Ideal immer noch das brave, angepasste Kind, welches schöne Bilder malt, in der ersten Klasse schon gut mitkommt und ohne Theater seine Hausaufgaben macht? Werden so Erwachsene heranwachsen, die unsere Welt retten? Dieser Versuch ist doch schon seit Generationen gescheitert. Alle kreativen und wirklich die Menschheit vorwärts bringenden Köpfe waren nämlich meistens Schulversager, Schulverweigerer oder gar nicht erst in so einer Schule drinnen. Seien wir ehrlich: Michel aus Lönneberga würde heute Ritalin bekommen, ganz klar. Und Pippi Langstrumpf käme ins Kinderheim. 

In diesem Sinne ist es sehr scheinheilig Pippi Langstrumpf oder Michel aus Lönneberga vorzulesen, den Kindern von freien und selbstbestimmten Kinder-Persönlichkeiten CDs und Filme vorzuspielen, die sie selber gar nicht sein dürfen, weil wir es nicht zulassen! 

Nehmen wir also endlich die Botschaft von Astrid Lindgren, die ihrer Zeit weit voraus war, auf und schaffen wir wieder Rahmenbedingungen für echtes Kindsein. Dazu gehört als Erstes die Abschaffung des Abiturs, welches als Angstkeule freies Lernen verhindert und Eltern zu Zuarbeitern des Schulsystems macht. Oder stellen wir es einfach gleich mit der Geburt aus, dann ist das erledigt und das Kind kann ungehindert lernen und seinen Weg gehen. Schaffen wir endlich alle Noten und Prüfungen sowie permanenten Beurteilungen in den Schulen ab und nehmen wir jedes Kind als einzigartiges, eigenwilliges , neugieriges und lernfreudiges Kind in echte Gemeinschaften auf, die es ermutigen und stärken, nicht beurteilen und herabsetzen. Damit wären wir dann, ganz nebenbei, auch in der gelebten Inklusion angekommen. Beenden wir den Bildungswahnsinn, der inzwischen immer früher nach den kleinen Kindern greift und ihnen jede Selbstkompetenz abspricht. Geben wir Eltern wieder die Chance für ihre Kinder da zu sein – vor allem in den ersten sehr wichtigen Jahren und unterstützen und wertschätzen wir diese Arbeit. Werden wir uns klar, dass Erziehung nur durch Beziehung funktioniert. Erlauben wir der digitalen Medienbranche nicht, die Spielfreude unserer Kinder am Bildschirm zu missbrauchen und sie so zu einem heute schon allgegenwärtigen Realitätsverlust hinzuführen, sie süchtig und Konsum-abhängig zu machen. Schaffen wir stattdessen Räume: Naturräume, Spielräume, Gestaltungsräume. Lernen wir selber die Welt, die Erde, Pflanzen, Tiere und Menschen wieder lieben, d.h. Mit den Augen der Kinder sehen. Dann wird uns jeder Baum, der fällt und jede Tierart die stirbt so in der Seele wehtun, dass es unser Handeln maßgeblich beeinflusst und sich endlich wirklich etwas (z.B. das Klima) ändert. Jedes Kind ist einzigartig, jeder Mensch ist es. Setzen wir das bitte endlich um und lesen die Bücher von Astrid Lindgren noch einmal: als Mutmacher andere neue, freie, eigenwillige Kindheitswege zu ermöglichen. Es lebe Pippi Langstrumpf! 

Andrea Timm-Brandt 

Mit dem Gründen einer Ersatzschule geschieht all das, was in unserem Konzept als ein ‚alternativer Bildungsweg‘ für unsere Kinder beschrieben wird. Dabei ist daran eigentlich nichts besonders, sondern einfach nur natürlich. 

Alles begann mit einem Gefühl von Inkohärenz (ein Zustand im Gehirn worauf hin das Gehirn natürlicherweise danach strebt wieder Kohärenz herzustellen): wir schauten uns unsere Kinder an und versuchten sie uns in den uns bekannten Schulsystemen vorzustellen – unmöglich. Daraus entstand das Bedürfnis wieder Harmonie herzustellen, also eine Schule für unsere Kinder zu finden, die zu ihnen passen würde. Da wir solch eine Schule in unserer Umgebung nicht finden konnten, griffen wir u.a. den Impuls des Films ‚Schools of Trust‘ auf und waren von nun an hoch (intrinsisch) motiviert und vor allem inspiriert, auch eine Schule gründen zu wollen. Damit begann ein intensiver neuer Lernweg für uns – geboren aus dem Leben, dem Leben mit unseren Kindern um genau zu sein.
Das Spiel begann: Wie gründet man eine freie Schule? Welche alternativen Schulen gibt es schon? Was sind die Erfahrungen dort? Welche Autoren/Bücher helfen uns weiter? Was sagen sie, wie machen sie es? Viele Fragen, viele interessante neue Gedanken und Perspektiven. Unser Wissensnetz vergrößert sich. Mit jedem neuen Autor, mit jeder neuen Begegnung öffnen sich weitere Perspektiven. Unser Horizont erweitert sich beständig. Mit jedem Lernschritt stoßen wir tiefer vor in das weite Feld von Bildung, Pädagogik, Psychologie, Etymologie, Biologie – und Schulrecht (man-oh-man…). Jeder neue Blickwinkel bereichert unser Wissen und vertieft unsere Vorstellung. Das Bild wird immer komplexer aber, paradoxerweise, gleichzeitig immer klarer. Es kristallisieren sich die wesentlichen Voraussetzungen heraus auf die alles weitere aufbauen kann… Das Konzept wird länger und länger und muss irgendwann als ‚fertig‘ bezeichnet werden. Unser Lernen wird jedoch nie aufhören. Mit jeder neuen Begegnung, mit jedem weiteren Buch, das wir lesen, erweitert sich unser Wissensnetz. So ist unser Konzept nun ein Blick auf (unseren) momentanen Wissensstand und Erfahrungsschatz. Es beschreibt vor allem, die wesentlichen Grundelemente auf die alles weitere aufbauen kann und berührt noch das ein oder andere Thema, das wir aktuell für erwähnenswert halten. Es stellt jedoch nur einen Bezugsrahmen dar, innerhalb dessen sich unsere Vorstellung von einem InspirationsRaum (ehem. ‚Schule‘ genannt) entwickeln wird – am Leben und aus dem Leben. Unser Lernweg endet nicht mit Einreichung dieses Konzeptes. Die tägliche praktische Arbeit zur Realisierung unseres Konzeptes wird uns immer wieder neue Dinge entdecken lassen, an die wir jetzt noch nicht gedacht haben und auf die wir noch nicht gestoßen sind. Zukünftige wissenschaftliche Erkenntnisse, Erfahrungen und Inspirationen werden unser Wissensnetz immer weiter anwachsen lassen. Und vor allem werden es die Menschen an unserer Schule sein, die sie erst lebendig und real werden lassen. Wie schon Charles Darwin sagte: »Nichts in der Geschichte des Lebens ist beständiger als der Wandel.«