Unsere Werte und Grundannahmen

„Wollen wir in Frieden leben, muss der Frieden aus uns selbst kommen.“ (Jean-Jacques Rousseau)

Wir stützen unser Menschenbild auf das integral-evolutionäre Paradigma, wie es beispielsweise von Frederic Laloux1 beschrieben wird.

Dieses Paradigma bietet den Blick auf die gesamte Menschheitsentwicklung. Es zeigt auf, wie die Menschheit sich geschichtlich-evolutionär entwickelt hat und was die Zukunftsaufgaben der Menschheit sein werden. Wir favorisieren dieses humanistische Menschenbild, weil es angesichts der immensen Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, einen Paradigmenwechsel einläutet, der uns befähigt, mit diesen Herausforderungen innovativ umzugehen. Er besteht in einer neuen Form des Denkens und Seins und löst das alte Paradigma des rein naturwissenschaftlichen-materialistischen Denkens ab, in dem der Mensch sich als getrennt von seiner Umgebung und der Natur sieht und welches letztendlich die Herausforderungen mit verursacht hat. Im Folgenden werden die einzelnen Werte und Grundannahmen ausgeführt.

Angstfreiheit: der Fülle des Lebens vertrauen

Es gibt zwei grundlegende Wege, das Leben zu leben, entweder aus dem Gefühl von Angst und Mangel oder aus dem Vertrauen und der Fülle. Wir entscheiden uns für den zweiten. Wir vertrauen in die Entwicklungskräfte eines jeden Menschen – jeder Mensch will lernen.

Angst und Mangel führen immer zu kontrollierenden Strukturen, Kriege werden aus Gier und Angst geführt. In unserer Schule verzichten wir auf kontrollierende Strukturen. Wir sehen jede Situation, auch unerwartete und herausfordernde, als Lernfeld und Möglichkeit des Wachsens an.

 

Innere Stimmigkeit als Kompass

Wir wünschen unseren Kindern, dass sie sich zu ‚runden‘ und gesunden Persönlichkeiten entwickeln, die ihr volles Potential entfalten können, die ihre innere Stimme hören und ihr vertrauen. Wir möchten, dass sie lernen, ihre Entscheidungen achtsam und verantwortungsvoll für sich selbst und zum Wohle der Gemeinschaft zu treffen. Dabei soll es weniger um abstrakte Normen oder Prinzip von Effektivität und Erfolg gehen, sondern um das Gefühl von Integrität und Authentizität, um tiefe innere Überzeugungen. Die SchülerInnen werden in diesem Prozess von Erwachsenen unterstützt, die es sich ebenso zur Aufgabe gemacht haben, auf ihren inneren Kompass zu hören, die den tiefen Wunsch verspüren, dem Leben zu dienen und ihre Entscheidungen daran ausrichten.

 

Das Leben als Reise der Entfaltung

„Auf der integralen Stufe wird das Leben als eine persönliche und kollektive Reise zu unserer wahren Natur gesehen.“ 2 Jeder Mensch bringt eine einzigartige Gabe mit auf die Welt, die es zu finden und zu entwickeln gilt (Potentialentfaltung). Demnach ist der Mensch keine biologische Maschine und auch kein leeres Gefäß, das gefüllt werden muss. Vielmehr geht es uns darum, in der Schule einen Frei-Raum zu schaffen, in dem Menschen sich ganz nach ihren individuellen Fähigkeiten, Talenten und Interessen selbstgewählten Lerngegenständen zuwenden können, ohne dabei von außen durch vorgegebene Inhalte und zeitlich-räumliche Strukturen in ihrer Potentialentfaltung und Individualität behindert zu werden.

 

Auf Stärken aufbauen

Wenn sich Menschen immer nach dem richten müssen, was äußerlich von ihnen erwartet wird, erleben sie sich unweigerlich als fehlerhaft und ungenügend. Ein Mensch verschwendet dann seine Energien damit, den Erwartungen zu entsprechen und den Mangel auszugleichen. Wir richten deshalb unsere Aufmerksamkeit darauf, welche Stärken jeder in sich trägt und bringen allen Wertschätzung statt Beurteilung entgegen. In einer wertschätzenden Atmosphäre fällt es jedem Menschen leichter, auch mit Schwierigkeiten im Lernprozess umzugehen, weil er sich grundsätzlich als „richtig“ und angenommen erfährt.

 

Angemessener Umgang mit Widrigkeiten

Rückschläge, Fehler und Hindernisse wollen wir nicht vermeiden oder auf sie mit Wut, Schuld oder Scham reagieren, sondern sie als Wegweiser verstehen, die uns Aufschluss über uns selbst und die Welt geben. Sie sind Lernaufgaben, an denen wir wachsen und uns weiter entwickeln können. So werden sie zu spannenden Forschungsfeldern und verlieren ihre Bedrohlichkeit.

 

Weisheit jenseits von Rationalität

Die integrale Perspektive findet Weisheit in vielen Bereichen und stellt keinen Bereich über den anderen. Entscheidungen können sowohl auf sachlichen Analysen basieren, wie auf dem, was gefühlt und intuiert wird. Wir fördern deshalb an unserer Schule alle Bereiche des Menschen. Die integrale Weltsicht versucht außerdem, das „Entweder-oder-Denken“ aufzulösen zugunsten eines „Sowohl-als-auch-Denkens“. Verschiedene Perspektiven, auch scheinbar gegensätzliche, ergänzen sich zu einem Ganzen. Dies üben wir sowohl in der Entscheidungsfindung in Gruppenprozessen nach der soziokratischen Kreismethode als auch durch einen Konfliktlösungsprozess basierend auf der Gewaltfreien Kommunikation.

 

Die Suche nach Ganzheit in Beziehungen zu sich, anderen und zur Natur

Was für das gesunde Wachstum einer Pflanze der gute Boden ist, ist für das Gelingen von nachhaltiger Entwicklung das, was wir „Tiefe Beziehungen“ nennen. Diese „Tiefen Beziehungen“ braucht ein Mensch mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit der Natur. Diese sind der Nährboden für zukünftiges nachhaltiges und friedvolles Handeln in der Welt. Nur wer sich verbunden fühlt, entwickelt daraus inneren Frieden und den tiefen, moralischen Wunsch etwas friedvoll zu schützen und zu unterstützen.

  • Tiefe Beziehung mit sich selbst

Eine tiefe Beziehung zu sich selbst ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit. Wir sind kulturell-historisch davon geprägt, das Gefühle und Bedürfnisse in unserer Gesellschaft einen untergeordneten Stellenwert hatten. Wer jedoch keine Empathie erfahren hat, kann auch keine geben. Es ist deshalb dringend nötig die Beziehung zu uns selbst wieder aufzunehmen, tief sitzende gesellschaftliche Traumata zu heilen und Frieden in uns selbst herzustellen, damit wir diesen in die Welt tragen können.

  • Tiefe Beziehungen mit anderen Menschen

Für einen gesellschaftlichen Wandel im Sinne der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist eine neue Art der Kommunikation notwendig. Z.B. zeigt die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg Wege auf, durch empathisches Zuhören und gewaltfreie Sprache, das Lebendige/die göttliche Energie im Anderen wieder wahrzunehmen. Wenn wir es schaffen miteinander Gespräche zu führen, die unsere Gefühle und Bedürfnisse zum Inhalt haben, und wenn wir lernen, unsere Bedürfnisse als Wünsche zu äußern und uns dabei offen und verletzlich zu zeigen, dann entsteht eine gemeinsame Sprache. Dann können auch Konflikte gewaltfrei und respektvoll gelöst werden und zu tieferen Beziehungen führen.

  • Tiefe Beziehung mit der Natur

Ein Mensch, der mit allen Sinnen die Natur erlebt, sich selbst in ihr und sie als einen Teil von sich erfährt, der die Natur als einen komplexen, geheimnisvollen und nachhaltigen Lebensraum er-lebt, wird eine tiefe Beziehung zu ihr eingehen. Daraus wiederum entsteht ein großes, weil emotionales Bedürfnis, die Natur zu schützen und zu erhalten (s. Kapitel „Natur“).

1Laloux 2015, S. 43 ff
2Lauloux 2015, S. 45